Puerto del Carmen 2016

Sofern man eine Pauschalreise bucht, kann man bereits am Gate des Flughafens verschiedenste Kreaturen beobachten, die ihre Aufregung dadurch kundtun müssen, daß sie besonders laut erzählen oder aufgeregt umher laufen. Und genauso war es auch dieses Mal. Als erstes fiel mir ein Mann auf, der seine dunkelblaue Jeans so hoch gezogen hatte, daß man sein helles Kurzarmhemd gerade noch so erkennen konnte. Das wiederum hatte er ganz in die Hose gesteckt, was den braunen (Kunst-)Ledergürtel betonte. Am Gate saß noch niemand vom Bodenpersonal und es war auch noch kein Flug ausgewiesen, der hier abgefertigt werden sollte. Logisch, denn es war auch noch eine knappe Stunde bis zum Abflug und somit auch mehr als eine Viertelstunde bis zum Boarding. An seinem Verhalten war erkennbar, daß er vielleicht heute das erste Mal flog oder zumindest noch nicht allzu oft geflogen war. Er stand am Gate, schaute auf den schwarzen Monitor, trat an den Schalter heran und blickte dahinter, ob sich dort vielleicht ein Mitarbeiter versteckte. Zu seiner weiblichen Begleitung, die verloren neben ihm stand, sagte er anschließend „Aber da steht doch B51!“

So langsam füllte sich der Wartebereich am Gate und ich verlor den Mann für kurze Zeit aus den Augen, weil sich ca. acht Meter hinter uns eine Gruppe befand, die durch enorme Lautstärke auf sich aufmerksam machte. Es handelte sich um eine Seniorenkombo aus vier Männern und vier Frauen, zumindest soweit wir das erkennen konnten. Der Bemerkung meiner Frau („Die sitzen bestimmt nachher im Flieger neben uns.“) schenkte ich keine Beachtung, denn die Boeing 737 war ja groß genug, so daß die Wahrscheinlichkeit wohl doch eher gering zu sein schien. Zwei Männer der Reisegruppe trugen bereits jetzt Strohhüte – wahrscheinlich zur Vorbereitung auf den anstehenden Urlaub. Somit entsprachen sie komplett dem Klischee des deutschen Urlaubers und fielen in die oben als erste erwähnte Kategorie. Sie unterhielten sich sehr laut.

Als die Dame hinter dem Schalter verkündete, daß in Kürze das Boarding begänne, schlug der deutsche Tourist mit all seiner Wucht zu, denn er drängte urplötzlich von hinten nach vorne und jegliche sonst im deutschen Alltag vorherrschende Ordnung war über den Haufen geworfen. Jeder wollte möglichst schnell in das Flugzeug, um sich die besten Plätze zu sichern. Daß die bereits zugeteilt waren, schien niemanden zu interessieren. Dieses Phänomen ist auch nur und ausschließlich bei Urlaubsfliegern zu beobachten und komischerweise nie bei Inlandsflügen. Sähe zugegebenermaßen auch ein wenig komisch aus, wenn die Schlipsträger sich nicht ordentlich in einer Reihe anstellen würden, sondern von allen Seiten mit ihren Aktenkoffern zum Gate drängen würden.

Nach Beginn des Boardings staute es sich logischerweise in der Gangway weit zurück, weil die Anweisung der Flugbegleiter, den Mittelgang frei zu halten, mal wieder geflissentlich ignoriert wurde. Als wir schließlich unsere Plätze erreicht hatten, uns am geräumigen Platzangebot erfreuten und auf vier Stunden Leben in der Sardinenbüchse vorbereiteten, setzte sich vor uns eine ältere Dame mit ihrer Tochter und augenscheinlich ihrem Enkel. Und kaum hatten wir die Hoffnung aufgeben müssen, daß wir eventuell unsere Sitzreihe für uns alleine haben könnten, weil sich doch ein älterer Herr zu uns gesellte, nahte das Grauen für uns.

Die Strohhutreisegruppe war schon von weitem zu hören. Das Alphamännchen der Gruppe teilte dem gesamten Flieger mit, in welcher Reihe er denn säße. Und es war natürlich die Reihe genau hinter uns. Hatte meine Frau also vorhin am Gate recht gehabt. Leider! Der Klassensprecher der Strohhüte – nennen wir ihn schon jetzt Heribert aufgrund seiner Neigung, alles kommentieren zu müssen – war wohl so ca. 65 Jahre alt – oder wie er es sagen würde „Mitte säckßisch“. Er sprach mit rheinischem Dialekt durch den Mittelgang mit allen Mitgliedern seiner Gruppe, die sich dann alle in den Reihen hinter uns niederließen. Das konnte ja ein kurzweiliger und entspannter Flug werden…

Kaum kam die Durchsage „Boarding completed“ kommentierte Heribert für seine Mitreisenden, daß jetzt alle Passagiere im Flieger seien und es dann gleich losgehen müsse. Als die Maschine vom Gate zurückgeschoben wurde, konnten wir ein „Luur ens. Mer rolle zurück. Jetz jeiht et glisch loss!“ hören. Gut, daß die Maschine rollte, konnte ja jeder Passagier spüren. Als er dann jedoch noch „Et duurt noch e bißje. Da steiht noch ene Fliejer vun Erbärliehn“ hinterherschob, als wir in Richtung Startbahn unterwegs waren, vermutete meine Frau, daß seine Mitreisenden vielleicht blind sein könnten. Darauf deutete allerdings beim Einsteigen gar nichts hin. Niemand hatte einen Blindenstock oder trug eine gelbe Binde mit drei schwarzen Punkten. Aber vielleicht war auch der Strohhut das neue Erkennungszeichen für Blinde. Davon war uns aber nichts bekannt.

Heribert schien immer noch ganz aufgeregt und teilte seinen Mitreisenden (und nicht nur denen) alles mit, was draußen passierte. Dabei schwang im Unterton stets etwas Altkluges mit. Kurz nach dem Start verstummte Heribert und wir waren durchaus selig, daß nun Ruhe einkehrte. Meine Frau schlummerte ein und ich löste auf meinem iPhone ein paar Sudoku. Nach einigen Minuten jedoch erwachte das nächste Grauen: Ein paar Reihen vor uns auf der anderen Seite des Ganges fing ein Kleinkind an zu schreien. Okay, ein Kleinkind weiß ja nicht, was passiert, wenn der Druck in den Ohren zunimmt. Trotzdem ein klein wenig nervig.

Kaum hatte sich das Geschrei gelegt, wackelte die Sitzreihe vor uns, denn dort war dem ca. vierjährigen Jungen langweilig. Er rutschte hin und her und begleitete das mit andauernden Rufen nach seiner Mutter, die unmittelbar neben ihm saß. „Mami!“ – „Mami!“ – „Mami!“ Und zwischendurch knallte stets der Sitz zurück. Die Mutter reagierte zwar, aber das war für ihn kein Grund, seine Stimme zu drosseln. Es schien sich um Spanier zu unterhalten, denn so klang das, was man hören konnte. Die Mutter schaffte es nicht, den Jungen zu beruhigen, der irgendetwas malte, soweit ich das durch den Spalt zwischen den Sitzen erkennen konnte. Das erklärte auch, daß er jede halbe Minute seine entstandenen Kunstwerke der Mutter zeigen wollte, die das aber anscheinend irgendwann nicht mehr zu interessieren schien, was den Jungen wiederum dazu verleitete, noch stärker nach seiner Mutter zu rufen. Ich stand kurz vor einer imaginären Ohrfeige, als Heribert wieder etwas mitzuteilen hatte.

Der Boardverkauf hatte begonnen und Heribert erklärte alle Passagieren, warum sie die Zigaretten auf Lanzarote kaufen sollten: „Dat liescht da dran, dat Lanzarote en Freistaat is. Deshalb sin die da so billisch.“ Da hatte Heribert wohl etwas durcheinandergebracht oder nicht richtig verstanden. Also, lieber Heribert: Bayern ist ein Freistaat. Die Kanarischen Inseln sind eine Freihandelszone. Vielleicht nach dem Urlaub nochmal die Unterschiede nachlesen… Mich wunderte nur, daß niemand aus der Reisegruppe widersprach. Entweder wußten die anderen es nicht besser oder – was mir wesentlich wahrscheinlicher schien – sie hatten sich damit abgefunden, daß Heribert zu allem seinen Senf abgeben mußte und hatten es aufgegeben, ihn zu korrigieren, wenn er etwas Falsches sagte, weil sie die Folgen absehen konnten. Ich konnte mir durchaus ausmalen, wie das aussehen könnte. Das hätte mit Sicherheit eine Diskussion zur Folge. Und darauf hat man irgendwann keine Lust mehr.

Mittlerweile hatte das Kind in der Reihe vor uns die spanische Version von „Bruder Jakob“ für sich entdeckt und mußte daran auch sämtliche Reihen um sich herum teilhaben lassen. Immer und immer wieder intonierte der Junge die gleichen Zeilen und wenn er damit fertig war, begann er wieder von vorne. Herrlich! Die Mutter schien ein wenig überfordert bzw. konnte sie ihm nicht klarmachen, daß er aufhören solle zu singen. Ganz im Gegenteil: Je öfter sie ihm durch Zischlaute mitzuteilen versuchte, daß er aufhören solle zu singen, desto lauter wurde der Mini-Carreras. Personen mit einem dünnen Nervenkostüm stünden an dieser Stelle kurz vor dem Durchdrehen.

Es war noch eine halbe Stunde Flugzeit übrig, als Heribert dann kundtat, daß gleich der Landeanflug begänne und der Pilot spätestens um „fünf nach“ diesbezüglich eine Durchsage machen würde. Als die von Heribert festgelegte Zeit erreicht war, kam wohl aus einer der hinteren Reihe die Frage aus der Strohhut-Reisegruppe, was denn nun mit der Durchsage sei, die Heribert vollmundig angekündigt hatte. Daraufhin korrigierte er um fünf Minuten nach hinten. Die folgenden Minuten überbrückte Heribert mit Erzählungen von Sehenswürdigkeiten und Eigenheiten von Lanzarote. Da wird sich die Reisegruppe aber freuen, daß sie einen Ortskundigen in ihrer Mitte weiß. Als eine der Stewardessen uns mitteilte, daß wir unsere Uhren um eine Stunde nach hinten stellen sollten, war Heribert verwundert: „Davon stand ja jar nix im Reiseführer! Wahrscheinlisch haben die keine Sommerzeit.“ Mein lieber Heribert! Für einen Menschen der Kategorie „kann alles, weiß alles und war schon überall“ lieferst Du aber gerade eine katastrophale Leistung ab! Okay, wollen wir mal nicht päpstlicher sein als der Papst. Fehler können passieren. Trotzdem gut für die Reisegruppe, daß ihr jemand auf Lanzarote alles zeigen kann.

Kurze Zeit später wurde Heribert von jemanden aus der gleichen Sitzreihe gefragt, ob er oft auf Lanzarote sei, woraufhin er entgegnete: „Nee, et erste Mal.“ Oh Mann, Heribert! Dafür hast Du aber den Mund während des Fluges ganz schön voll genommen. Aber der Landeanflug hatte schon begonnen und Heribert mußte wieder kommentieren. Als aus dem Fenster eine Insel zu sehen war, teilte er seiner Reisegruppe (und allen anderen) mit, daß Lanzarote zu sehen sei. Eine der Frauen kommentierte das mit einem „Ah!“. Heribert wurde jedoch von demjenigen, der ihn vorhin fragte, wie oft er denn schon auf Lanzarote gewesen sei, korrigiert, daß es sich um Fuerteventura handele. Er mußte es schließlich wissen, denn er wohnte auf Lanzarote. Der Landeanflug ging weiter und Heribert teilte mehrmals mit, daß er leider keinen Höhenmesser habe. Gott sei Dank wußte der Pilot das nicht und konnte die Maschine sicher landen. Nach der Landung beendete Heribert seinen Kommentar damit, daß er einem seiner Mitreisenden erklärte, warum er nicht sofort aufstehe, sondern noch sitzenbleibe.

Natürlich ist es eine Unart, daß die Anschnallgurte klicken, noch ehe die Stewardeß ausgesprochen hat, daß man bitte solange sitzen bleiben solle, bis das Flugzeug seine endgültige Parkposition erreicht hat. Aber manche Dinge ändern sich wohl nie. Beim Verlassen des Flugzeuges achtete die Reisegruppe darauf, daß diejenigen, die schon in Düsseldorf ihre bekloppten Strohhüte auf dem Schädel hatten, dies auch jetzt wieder taten. Dabei scherzten sie mitsamt ihrer Frauen und waren die einzigen, die das witzig fanden. Heribert erklärte immer noch irgendetwas, was ich aber nicht genau verstand, weil der Geräuschpegel in der Kabine zugenommen hatte. Alleine die Lippenbewegungen von Heribert nervten. Und plötzlich konnte ich seine Stimme wieder hören, wie sie rief „Jupp! Juuuupp! Juuuhuuuup!“ Daraufhin drehte sich ein kleiner untersetzter Strohhutträger zu Heribert um, durfte sich noch eine Erklärung anhören, bevor er lautstark anfing zu lachen. Ich fühlte mich unweigerlich an meine Pubertät erinnert, als wir uns bei Klassenfahrten auch so benahmen. Ich erkannte, daß Heribert eine Kameratasche in der Hand hielt.

Als wir das Flugzeug verlassen hatten, warteten wir am Gepäckband geschlagene 50 Minuten auf den Koffer meiner Frau und waren so ziemlich die letzten, die die große Halle verließen. Es dauerte generell eine ganze Zeit, ehe sich das Gepäckband überhaupt in Bewegung setzte. Spanische Verhältnisse! Und während wir zu Beginn darauf warteten, daß etwas passierte, hatten wir genug Gelegenheit, durch die Halle zu wandern. Dabei fiel mir auch wieder der eingangs erwähnte Nerd auf, der mit seiner Reisebegleitung logischerweise auch am gleichen Gepäckband wartete. Als die ersten Koffer vom Band verschwunden waren, schien sein Gepäck dabei gewesen zu sein, das seiner weiblichen Mitreisenden jedoch nicht. Und als ob wir es geahnt hätten, hatte er auf seinem Koffer eine Laptop-Tasche stehen.

Ein paar Meter dahinter stand Heribert mit seiner Reisegruppe. Er hatte seine Digitalkamera aus der Dunkelheit der Kameratasche gerettet und bereits jetzt um den Hals baumeln. Warum??? Ich blickte sofort auf seine Füße und erwartete dort jetzt eigentlich Sandalen mit weißen Tennissocken, aber den Gefallen tat er mir dann doch nicht.

In der Ankunftshalle des Flughafens auf Lanzarote steht ein Modell der Insel, auf dem die Sehenswürdigkeiten markiert sind. Und kurze Zeit später setzte sich die Hälfte der Strohhut-Reisegruppe in Bewegung. Selbstredend ging Heribert voraus, wie es sonst die Reisegruppenführer in touristischen Hochburgen taten. Hielt er etwa auch ein Fähnchen hoch, damit niemand seine Gruppe verlor? Nein, das tat er nicht. Aber als sie an dem Inselmodell angekommen waren, setzte er augenscheinlich wieder zu ausschweifenden Erklärungen zu etwas an, von dem er keine Ahnung haben konnte, wenn er das erste Mal auf Lanzarote war, denn er gestikulierte mit seinen Armen, sprach dabei zu denjenigen, die neben ihm standen und wedelte über die gesamte Insel. Ich stellte mir vor, wie er wohl gerade sagte „Jupp! Luur ens! Dat is ene Bersch. Un hee dat is Wasser. Da kamma schwimme.“ Gehört habe ich leider nichts von dem, was er erklärte. Nicht, daß ich das gewollt hätte, denn alleine ihn zu sehen, machte mich schon aggressiv genug. Zudem werden seine Erklärungen auch total unnütz, falsch und überflüssig gewesen sein, wie wir die letzten mehr als vier Stunden schon erfahren durften. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich schon auf ihn zurennen und hatte dabei einen Quarterback-Sack wie aus dem Bilderbuch vor Augen, bei dem die Kamera in alle Einzelteile zersprang. Anschließend hörte ich mich sagen „So, Heri, jetz kannse dem Jupp ens verzälle, warum Do hee liechs, Do Schwaatschnüss!“ Die Sirene des Gepäckbandes riß mich dann jedoch aus meiner Fantasie und der Blick richtete sich auf wichtigere Dinge.

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