Südwesten der U.S.A. 2019

(Hinweis: Die nachfolgenden Zeilen wurde alle vor Ort geschrieben und im nachhinein nur noch kleinere Schreibfehler korrigiert.)

Samstag, 31.08.2019 (Tag 0): Frankfurt

Nachdem wir den Urlaub gebucht hatten, kam uns die Überlegung, ob wir vielleicht schon einen Tag vorher ganz entspannt nach Frankfurt fahren sollten, um den Urlaub so zu starten. Wir konnten eine Übernachtung im Hilton am Frankfurter Flughafen ergattern (für 140 Euro) und mußten am Abflugtag dann “nur noch aus dem Bett fallen”, um die Koffer abzugeben. Die Fahrt mit dem ICE in der 1. Klasse gab es für 60 Euro. Diese 200 Euro war es uns wert. Und so begann unser Urlaub noch einen Tag früher mit entspannten Saunagängen und einem leckeren Abendessen.

Sonntag, 01.09.2019 (Tag 1): Frankfurt – Los Angeles

Die Abgabe des Gepäcks war völlig unproblematisch. Lediglich ein Blick auf meine Boardkarte ließ kurzzeitig “Freude” aufkommen: Die magische Buchstabenkombination “SSSS” war dort zu lesen. Man durfte also gespannt sein, was mich erwarten würde. Hatte ich in letzter Zeit etwas verbrochen? Mir fiel partout nichts ein. Als wir zum Boarding gingen, löste sich der erste Teil des Geheimnisses auf: Ich wurde direkt an die Seite gebeten und von einem Mitarbeiter an der langen Warteschlange vorbeigeführt. Es erwartete mich die ganz normale Personenkontrolle und anschließend wurde mein Handgepäck auf Sprengstoff untersucht, wie ich es schon mal auf dem Weg nach New York erlebt hatte. Als das (erstaunlicherweise negative) Ergebnis feststand, war ich im Sicherheitsbereich und hatte durch das Überholen der Warteschlange ganze 20 Minuten gewonnen. Gar nicht so schlecht, die vier S!

Nachdem wir 10,5 Stunden später in Los Angeles gelandet waren, begaben wir uns zum Automaten für die Einreisekontrolle. Nachdem wir alle Fragen beantwortet hatten, wurde unser Antrag abgelehnt und wir mußten doch an einen richtigen Schalter. Das betraf aber sehr viele der Einreisenden. Das übliche Prozedere (Foto, Fingerabdrücke, einige Fragen) wartete auf uns und war schnell erledigt. Ich wurde gefragt, ob ich das erste Mal in die Vereinigten Staaten einreisen würde. Als ich das verneinte, fragte mich der Officer, wann ich letztmalig eingereist war und wohin. Ich gab ihm die Antworten, die er auf seinem Bildschirm sah und schon durften wir zum Gepäckband, wo unser Gepäck bereits seine Runden drehte. Vor dem Flughafen gingen wir zum Shuttle, der uns zum Car Rental brachte, wo wir den reservierten Mietwagen aholten. Wir durften uns einen der abgestellten Pkw aussuchen und entschieden uns für einen blauen Hyundai Elantra. Koffer rein und los!

Das Navi führte uns fast zielsicher zu unserer Unterkunft für die drei Übernachtungen in Los Angeles. Dabei machten wir die erste Erfahrung mit dem extrem gut ausgebauten Autobahnnetz in und um L.A.

Montag, 02.09.2019 (Tag 2): Los Angeles

Als wir nach einer kurzen Nacht (Hallo, Jetlag!) um 03.45 Uhr hellwach waren, schalteten wir zunächst den Fernseher ein und ließen uns ein wenig berieseln. Dabei fiel uns dann auf, daß heute “Labor Day” war – also Feiertag in den Vereinigten Staaten. Dementsprechend war bestimmt weniger auf den Straßen los, so daß wir uns für heute einen Plan überlegten, bei dem wir das Auto benutzen wollten. Ich bastelte eine Route zurecht, für die meine Frau mich am Ende des Tages verfluchen würde…

Wir begannen im Osten und fuhren zunächst nach Pasadena. Dort suchten wir die drei Häuser auf, die im Film “Zurück in die Zukunft” die Häuser von Biff Tannen, Lorraine und George McFly darstellten. Nächster Programmpunkt war das Haus von Michael Myers aus “Halloween”, das Blacker House (“Zurück in die Zukunft”), das Gamble House (“Zurück in die Zukunft”) und schließlich das Stadion, in dem 1994 das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft stattgefunden hatte: Rose Bowl.

Von Pasadena arbeiteten wir uns westwärts vor, blieben in Burbank jedoch zunächst “Zurück in die Zukunft” treu und besuchten den Burger-King-Parkplatz, wo sich Marty McFly, nachdem er aus dem Haus von Doc Brown kommt, mit seinem Skateboard an einem Auto festhält. Und als ich dort mit der Kamera stand und fotografierte, kam ein Mann an mir vorbei und seine rhetorische Frage lautete “Back to the future?”, woraufhin sich ein kurzes Gespräch ergab. Als ich ein paar Fotos gemacht hatte, fuhren wir weiter zum Wohnhaus von Marty McFly. Danach ging es zur Brücke, von wo aus der Lkw in “Terminator 2” zur Verfolgungsjagd das Geländer durchbricht und in den Kanal fährt, bevor wir thematisch beim gleichen Film blieben und das Haus der Pflegeelten von John Connor ablichteten.

Anschließend legten wir eine größere Wegstrecke zurück und fuhren zum Rock Store, einem Drehort des Films “Die City-Cobra”. Hier fand ein Biker-Treffen statt, denn vor dem Diner standen bestimmt 50 Motorräder und die dazugehörigen Fahrer. Im Film sah der Ort so verlassen aus und so in etwa hatte ich mir das auch für meine Fotos gewünscht. Nun war das genaue Gegenteil der Fall. Ändern konnten wir das aber nicht und so nahmen wir es so, wie es war. Ich machte einige Fotos, wir gingen in den kleinen urigen Shop und fuhren weiter zur Ronald Reagen Presidential Library, dem weitesten Punkt der heutigen Route / Liste.

Dort angekommen stellten wir fest, daß hier wesentlich mehr los war als generell auf den Straßen. Die waren nämlich bislang erstaunlich frei, während wir hier doch ein ganzes Stück weit weg vom eigentlichen Parkplatz am Straßenrand parken mußten. Es war mittlerweile über 30 Grad und die Straße, die wir nun zu Fuß gehen mußte, führte begauf, so daß wir naßgeschwitzt an der Eingangshalle ankamen. Nach kurzer Wartezeit blätterten wir $25 Eintritt pro Person hin und durften uns frei im Museum bewegen. Die Da-Vinci-Ausstellung ließen wir aus. Mich persönlich interessierten auf jeden Fall das Oval Office und die Air Force One. Beides bekamen wir auch zu sehen und durften es auch betreten (Leider ist in der Air Force One das Fotografieren verboten.). Das Museum ist sehr schön gestaltet und gibt die Lebensgeschichte von Nancy und Ronald Reagan ansprechend wieder. Und ganz am Ende, als es im letzten Raum des Museums um den Tod und die Beerdigung von Ronald Reagan geht, hat man tatsächlich ein paar Tränen in den Augen. Nach 2,5 Stunden verließen wir das Museum, begaben uns zu unserem Auto und verließen Simi Valley wieder.

Bis hierhin lief alles ganz reibungslos. Wir hatten 13.30 Uhr und mein Plan war insoweit aufgegangen, daß ich auch zeitlich so kalkuliert hatte, daß das bisherige Programm einen halben Tag benötigt. Leider war der Plan für die zweite Tageshälfte nicht mehr umsetzbar. Warum? Es fing noch ganz gut an. Wir fuhren zurück nach Los Angeles, wo ich das Haus fotografieren wollte, in dem Michael Jackson 2009 gestorben war. Das Haus selber kann man zwar von der Straße aus nicht sehen, aber zu finden ist das Grundstück problemlos.

Von dort aus sollte es zum “Pierce Brothers Westwood Village Memorial Park” gehen, einem Friedhof, auf dem zahlreiche Prominente beerdigt sind (u. a. Marilyn Monroe, Dean Martin, Burt Lancaster, Robert Loggia, Karl Malden, Walter Matthau, Farrah Fawcett, Billy Wilder, Peter Falk, Jack Lemmon und Janet Leigh). Und dieser Friedhof ist für amerikanische Verhältnisse extrem klein, so daß man ihn problemlos zu Fuß begehen kann. Selbst für deutsche Verhältnisse wäre das ein sehr kleiner Friedhof. Problem: Wir haben keine Parkmöglichkeit gefunden und auch keinen Eingang. Beziehungsweise war der Eingang, den man von der Straße aus sehen konnte, mit zwei Toren verschlossen. Lag das am Labor Day oder waren wir einfach zu doof? Wir fuhren dreimal um den Block, wurden aber nicht fündig, so daß wir die Suche abbrachen.

Anschließend sollte es eigentlich zum Sterbeort von Marilyn Monroe gehen, was wir aber ersatzlos strichen, weil sich mittlerweile so langsam der Hunger bemerkbar machte. Aber das sollte ja kein Problem sein, denn bislang sahen wir alle paar hundert Meter irgendeine Freßbude. Bislang…

Es sollte zum Santa Monica Pier gehen. Und auf dem Weg dorthin kamen wir tatsächlich an nichts vorbei, was nach Restaurant aussah. Gut, ein gutes Stück fuhren wir über die Autobahn. In Santa Monica angekommen, quälten wir uns durch einen kleinen Stau. Die Blechlawine schob sich nur sehr langsam vorwärts und am Santa Monica Pier war der Parkplatz und die Zufahrt dorthin geschlossen. Auf der Kreuzung standen Police Officer und winkten alles weiter. Also konnten wir zwar den Pazifik sehen, aber nirgendwo parken. Am Straßenrand schoben sich parallel zu den Autos auf der Fahrbahn die Menschenmassen entlang. Uns war relativ schnell klar, daß wir das zum einen auf gar keinen Fall wollten, aber zum anderen sowieso keinen Parkplatz finden würden. Santa Monica Pier gestrichen und damit auch Venice Beach.

Weiter ging’s auf der Suche nach etwas Eßbarem. Ins Navi hatten wir mittlerweile die Adresse vom “Nakatomi Plaza” eingegeben, welches eigentlich die Firmenzentrale von Fox ist, als wir am Horizont das goldene M aufblitzen sahen. Also fuhren wir unseren Hyundai auf den Parkplatz des Spezialitätenrestaurants und besorgten uns unser Mittagessen. Und als wir dort saßen und meine Frau sichtlich genervt vom bisherigen Tagesprogramm war, überlegte ich, ob wir Fox Plaza, das Hilton Beverly Hills, Two Rodeo Drive, das Petersen Automotive Museum und die Angel Wings sein lassen sollten und dafür lieber aufgrund der freien Straßen zum Los Angeles Memorial Coliseum fahren sollten. Das würde einen Programmpunkt des morgigen Tages entfernen, so daß wir dort ein wenig mehr Zeit hätten. Man konnte halt nicht alles und mußte irgendwann auch erkennen, daß man mit seinem Vorhaben gescheitert ist. Und dieser Punkt war jetzt erreicht.

Nach dem Essen fuhren wir also zum Los Angeles Memorial Coliseum, wo leider die Sonne sehr ungünstig stand, aber irgendwas ist ja immer! Wir suchten einen Parkplatz und fanden ihn fast unmittelbar vor dem Stadion. Bezahlen mußten wir tatsächlich nichts. Ich schnappte mir meinen Kamerarucksack und wir drehten eine Runde entlang des Vorplatzes vom Stadion. Leider konnte man nicht ganz nah an das Stadion, in dem die Olympischen Spiele 1932 und 1984 stattgefunden hatten, ran. Ich hätte zu gerne einen Blick ins Oval geworfen, aber das war nicht möglich. Südöstlich des Coliseums steht mittlerweile das Bank of California Stadium, das Stadion des Los Angeles FC. Auch hier machte ich einige Bilder, ehe wir wieder zum Auto zurück gingen und die Heimreise zum Hotel antraten.

Um 20.00 Uhr abends fielen uns nach knapp 16 Stunden so langsam die Augen zu…

Dienstag, 03.09.2019 (Tag 3): Los Angeles

Nachdem meine Frau bereits seit 03.00 Uhr wach war und ich auch eher durchwachsen schlief, begaben wir uns am frühen Morgen an die frische Luft. Das Coliseum hatten wir ja bereits gestern besucht und so standen heute Downtown und Hollywood auf dem Programm. Zunächst suchten wir uns zwei E-Scooter, mit denen wir zur nächsten Metro-Haltestelle fuhren. Von dort aus ging es für $1.75 pro Person ins Zentrum von Downtown.

Der erste und südlichste Programmpunkt war das Staples Center. Die Sonne brannte bereits vom Himmel und die Temperaturen waren fast schon unerträglich, als wir uns auf den Weg dorthin machten. Die Straßen waren erstaunlich leer und vor dem Staples Center war rein gar nichts los. Einige wenige Touristen machten Fotos von den aufgestellten Statuen, wie ich es auch tat, aber ansonsten sah man fast keine Menschen.

Anschließend kehrten wir auf dem Weg zum US Bank Tower erst einmal bei Denny’s ein, um zu frühstücken. Gestärkt vom wirklich sehr leckeren Frühstück konnte es weitergehen. Zunächst gingen wir jedoch am US Bank Tower vorbei, weil ich zum Pershing Square wollte, um von dort aus die Rückseite des Millenium Biltmore Hotels zu fotografieren. Eddie Murphy fuhr seinerzeit als Axel Foley in “Beverly Hills Cop” mit seinem schäbigen Auto hier vor und auch die Szene, als er den observierenden Cops eine Banane in den Auspuff drückte, wurde hier gedreht. Als die Fotos im Kasten waren, kehrten wir um und gingen zum US Bank Tower.

$50 Dollar ärmer und wenige Minuten später standen wir im Aufzug nach oben, um OUE Skyspace zu besuchen, die Aussichtsetage des Gebäudes. Die zusätzlichen 8 Dollar für den Skyslide, bei dem man auf einer Filzmatte eine Glasrutsche außerhalb des Gebäudes eine Etage herunterrutscht, sparten wir uns. Wir machten etliche Fotos, mußten aber feststellen, daß der Ausblick bei weitem nicht so beeindruckend ist wie vom Rockefeller Center in New York City.

Als wir wieder auf der Straße angekommen waren, gingen wir zum Angel’s Flight, der ehemals kürzesten Standseilbahn der Welt. Spektakulär? Nö, aber ganz nett anzuschauen. Viel interessanter hingegen war der exakt gegenüberliegende Grand Central Market. Hier spazierten wir ein wenig durch die Gänge und ließen uns von den verschiedenen Gerüchen und Ständen beeindrucken, denn im Grand Central Market reiht sich ein Lebensmittelstand an den anderen. Links gibt es asiatische Küche, rechts davon deutsche Currywurst und hinter einem indisches Essen. Sehr schön und absolut einen Besuch wert!

Wir verließen den Grand Central Market und orientierten uns weiter nach Norden, denn ich wollte noch ein paar Fotos der Walt Disney Concert Hall machen. Als die erste metallene Außenhaut der Konzerthalle installiert wurde, war sie durch die Sonneneinstrahlung so heiß und hat diese reflektiert, daß der Belag auf den Gehwegen geschmolzen ist. So zumindest war es in einem Fun Fact beim Besuch des OUE Skyspace zu lesen.

Zwei Blocks südlich der Concert Hall befand sich die nächstgelegene Haltestelle der Metro, die wir ansteuerten, um nach Hollywood zu fahren. Die Temperaturen waren mittlerweile weiter gestiegen, weshalb uns die zahlreichen Kilometer, die wir bereits zurückgelegt hatten, dann doch ein wenig zu schaffen machten. Zudem gab es einen kleinen Höhenunterschied von Straßenblock zu Straßenblock zu überwinden und der Rucksack auf dem Rücken wurde auch nicht leichter. Nicht gerade zuträglich für die persönliche Verfassung war der eklatante Temperaturunterschied zwischen extrem klimatisierten Innenräumen und der frischen Luft. Ich persönlich fand es in den klimatisierten Räumen wesentlich angenehmer, während es bei meiner Frau genau andersrum war. Moment! Hatte ich eben “frische Luft” geschrieben? Frisch konnte man die Luft hier in L.A. nun wirklich stellenweise nicht nennen. Uns fiel auf, daß es hier an sehr vielen Häuserecken nach Urin riecht (und zwischendurch immer mal wieder nach Marihuana) – also eine Wohltat für die Sinne!

Darüber hinaus fielen uns die etlichen Obdachlosen in Downtown auf. Hier schien es mehr davon zu geben als anderswo. Und schon waren wir im Untergrund verschwunden und saßen in der Bahn nach Hollywood, dem touristischen Zentrum der Stadt. War es da schön? Nein. Die Nepper, Schlepper und Bauernfänger wuselten umher und waren immer auf der Suche nach leichter Touri-Beute. Okay, das ist jetzt vielleicht ein wenig zu salopp ausgedrückt, aber es fiel schon auf, daß hier der Touri an sich umgarnt wird. Klar, im Urlaub sitzt das Geld halt lockerer und jeder will was davon abhaben. Freddy Krüger bietet sich für ein Foto an, der Zeichner würde für kleines Geld ein Porträt von einem zeichnen, andere haben Blanko-Sterne und die passenden Buchstaben zur Hand, um sie für die Touristen so auf dem Walk of Fame hinzulegen, daß sie ein Erinnerungsfoto machen können. Selbstredend kostet das Hinlegen der Buchstaben etwas.

Wir besuchten Madame Tussauds, wo es uns wirklich sehr gut gefallen hat. Die Räume waren nicht zu klimatisiert und auch nicht überfüllt, so daß man in Ruhe alles fotografieren und anschauen konnte. Der Komplex rund um das TCL Chinese Theatre und das Dolby Theatre hingegen war überhaupt nicht unser Ding. Viel zu voll, wenig Glamour und lediglich die an den Wänden angebrachten Namen der Oscar-Gewinner für den besten Film deuteten auch nur entfernt darauf hin, was sich einmal im Jahr hier abspielt. Auch die Fuß- und Handabdrücke vor dem Chinese Theatre hatte ich persönlich mir ein wenig pompöser vorgestellt. So aber guckten wir nur und machten wenig Fotos. Im Hard Rock Café gab es (leider) nichts, was unseren Ansprüchen genügte, so daß wir nur noch den Fotospot in der Mall “Hollywood and Highland” aufsuchen wollten, um von dort aus das Hollywood Sign abzulichten. Was soll ich sagen? Man kann den Schriftzug sehen, aber das als Fotospot zu deklarieren? Na ja.

Hollywood-Fazit: Nicht schön, überfüllt, laut, kann man sich sparen. Anschließend suchten wir uns zwei E-Scooter und fuhren zum Hotel zurück. Das waren also die Tage in Los Angeles. Vorher konnte man überall lesen und hören, daß die Stadt ein Moloch sei. Viel zu groß und unüberschaubar. Jetzt hatten wir eigene Erfahrungen gemacht und die deckten sich (erstaunlicherweise) mit denen, von denen man vorher gehört hatte. Los Angeles mag der Inbegriff des kalifornischen Lifestyles sein, aber es ist in der Tat so unfaßbar groß, daß man gar nicht alle Facetten in so kurzer Zeit anschauen bzw. auf sich wirken lassen kann. Wahrscheinlich muß man zwei Wochen hier sein, um alles zu sehen und sich ein wirklich fundiertes Urteil erlauben zu können. In lediglich zwei Tagen war es nur die Aneinanderreihung von Fotospots garniert mit einigen touristischen Highlights oder dem, was man gemeinhin dafür hält.

Mein Highlight in den zwei Tagen war mit Sicherheit das Los Angeles Memorial Coliseum, wobei wir ja relativ wenig davon gesehen haben. Aber ich erinnerte mich noch genau an die Spiele von 1984, an die Eröffnungsfeier und den Mann mit dem Raketenrucksack, als wir vor dem Stadion standen. Wahrscheinlich war hier die Erinnerung das Schöne.

Meine Frau konnte trotz reiflicher Überlegung kein wirkliches Highlight nennen.

Übrigens weiß ich jetzt auch, wie man die Autobahnen hier beschreiben kann. Wer sich an “Gummitwist” erinnert, der weiß es schon: Alles hängt zusammen, niemand blickt sofort durch, aber trotzdem geht’s nachher auf.

Mittwoch, 04.09.2019 (Tag 4): Los Angeles – Palm Springs

Und wieder waren wir früh wach. Also konnten wir auch früh beim Wohnmobilverleiher sein, was auch geklappt hat. Nach dem Checkout im Hotel ging es auf direktem Wege durch den morgendlichen Stau zunächst einmal wieder Richtung Flughafen, weil wir unseren Mietwagen abgeben mußten. Von da aus brachte uns ein bestelltes Taxi zur Übernahme unseres Wohnmobils. Als wir an der angegebenen Adresse ankamen, war jedoch davon weit und breit nichts zu sehen. Gott sei Dank hatten wir das Gelände aber schon in der Vorbeifahrt von der Autobahn aus gesehen, denn ansonsten hätten wir wahrscheinlich geglaubt, unser Taxifahrer wollte uns ausrauben oder entführen. Der war jedoch ebenso hilflos wie wir. Nach einer kurzen Suche wurden wir dann jedoch fündig, luden unser Gepäck aus, gaben dem armenischen Taxifahrer (zumindest vom Namen her) Trinkgeld und standen vor dem Office des Wohnmobilverleihers. Die Übernahme sollte eigentlich erst ab 12.00 Uhr erfolgen und wir waren 90 Minuten zu früh. Wir waren frohen Mutes, als wir uns angemeldet hatten, daß es vielleicht etwas eher klappen könnte…

Letzten Endes hat es nicht eher geklappt. Uns wurde bei der Übernahme alles erläutert, wir räumten das Gepäck ein und schon konnte die Fahrt losgehen. Der erste Stopp war selbstverständlich ein Walmart. Dort gingen wir durch die Gänge und arbeiteten unsere Einkaufsliste ab. Trotzdem wanderte vieles in den Einkaufswagen, was nicht notiert wurde. Knapp 219 Dollar wurden es, die wir dem Unternehmen überließen. Meine Frau kaufte sich noch ein preiswertes Mountainbike, um eventuell während des Roadtrips ein wenig Sport machen zu können.

Anschließend ging es zum ältesten noch in Betrieb befindlichen McDonald’s, bevor wir zwei weitere Drehorte von “Zurück in die Zukunft” ansteuerten: Zunächst war die Whittier High School angesagt und dann die Puente Hills Mall, wo Doc Brown auf dem Parkplatz erstmalig den DeLorean testet. Beide Drehorte waren einfach zu finden. Zudem lagen die drei Spots sowieso grob auf der Route raus aus dem Großstadtdschungel.

Mittlerweile war es bereits früher Abend geworden und wir fuhren gen Osten, denn wir wollten nach Palm Springs. Eigentlich sah mein allererstes Gedankenspiel zu Hause noch vor, daß wir es vielleicht heute bis zum Joshua Tree National Park hätten schaffen sollen. Unmöglich, wie wir mittlerweile wußten. Die Autobahn wurde zunächst einmal nicht leerer und nicht schmaler. Unfaßbar, wieviele Menschen sich Kilometer von L. A. entfernt noch auf den Straßen bewegten. Wir rauschten an Malls und Tankstellen vorbei, wirklich ländlich wurde es aber nicht. Mittlerweile brannten die gleißenden Lichter der hinter uns fahrenden Pkw und Lkw in den Außenspiegeln und vor uns verschwommen die roten Lichter fast schon zu einem einzigen breiten Streifen. Im Rückspiegel konnten wir der Sonne bei ihrem Untergang zuschauen. Als sie verschwunden war und die Nacht kam, wurde das Fahren aber immer noch nicht entspannter. Die ungewohnte Größe des Vehikels und der extrem schlechte Straßenzustand taten ihr Übriges dazu. Irgendwann wurden die Straßen dann tatsächlich schmaler und die Meilen nach Palm Springs weniger – zwar sehr langsam, aber immerhin. Als wir dort ankamen, stellten wir fest, daß wir keinerlei Hinweisschilder auf Campgrounds fanden, wie es in Kanada der Fall war.

Also mußten wir das Internet bemühen, um eine Adresse zu suchen. Auf dem Campground war das Office bereits geschlossen und man sollte sich einen der freien Stellplätze nehmen, was wir auch taten. Erfreulicherweise hatten wir einen Stromanschluß, so daß die Klimaanlage funktionieren sollte – tat sie aber nicht! Wir räumten unsere Taschen aus und verstauten alles in den Schränken. Die hohen Temperaturen sorgten dafür, daß uns der Schweiß nur so am Körper runterlief. Es gab keine Gebrauchsanweisung für den Camper, so daß wir auch nicht nachsehen konnten, wie wir die Klimaanlage einschalten konnten. Nach einer guten Stunde kamen wir dann mal auf den Gedanken, bei der Stromversorgung zu schauen, ob die Sicherungen, die ich vermeintlich beim Anschließen eingeschaltet hatte, auch wirklich eingeschaltet waren. Waren sie natürlich nicht! Und zack, schon lief die Klimaanlage. Der Fehler war also der, daß ich die bereits eingeschaltete Sicherung ausgeschaltet hatte. Aus Kanada hatte ich in Erinnerung, daß die Sicherungen immer ausgeschaltet waren, wenn kein Stecker eingesteckt war.

Sieben Stunden später waren wir schon wieder wach. Das Thermometer zeigte morgens um 06.13 Uhr bereits 31 Grad!

Donnerstag, 05.09.2019 (Tag 5): Palm Springs – Joshua Tree NP (100,9 Meilen)

Nachdem wir (wieder mal) sehr früh wach waren, frühstückten wir zunächst, bevor wir zum Office des Campgrounds gingen, um unsere Schulden zu begleichen. $60 (in bar!) wurden uns abgeknöpft, eine Zahlung mit Kreditkarte war leider nicht möglich. Und dafür war der Platz gar nicht mal so schön. Wir verließen Palm Springs – eine Stadt, die sich genauso präsentierte, wie ich sie mir vorgestellt hatte: Nur Einfamilienhäuschen, breite Straßen, einige Flaniermeilen und viele Palmen.

Der Weg führte uns nach Cathedral City, einem Nachbarort von Palm Springs. Hier ging es zum Desert Memorial Park, wo sich die Gräber von Sonny Bono und “Ol’ blue eyes” Frank Sinatra befinden. Der Friedhof ist zwar nicht besonders groß, aber man darf mit dem Auto auf das Gelände. Es interessierte tatsächlich niemanden, daß wir mit unserem Wohnmobil dort umher fuhren. Beide Gräber waren sehr schnell gefunden und der Friedhof ebenso schnell wieder verlassen, so daß wir wieder zurück in Richtung Palm Springs fuhren, das Städtchen aber links liegen ließen, denn das Ziel dieser Fahrt lautete Pioneertown.

Die Ortschaft wurde erst 1946 gegründet und diente vielen Westernfilmen als Kulisse. Mittlerweile finden wohl täglich immer noch Show-Duelle mit Platzpatronen statt, von denen wir aber nichts mitbekamen, weil wir weit vor High Noon dort waren. Wir spazierten entlang der teils malerischen Kulisse, bevor wir unseres Weges zogen – meine Frau mit ihrem Mountainbike und ich wenige Minuten später mit dem Wohnmobil hinterher.

Vor uns lag der Joshua Tree Nationalpark und das im wörtlichen Sinne. Das erste Ziel, das wir beide getrennt voneinander ansteuerten, war das Visitor Center. Dort kauften wir den Annual Pass für $80, mit dem wir jeden Nationalpark besuchen durften. Die freundliche Mitarbeiterin teilte uns zwei Campgrounds mit, die wir mit unserem großen Camper anfahren konnten. Als wir den Park dann erreicht hatten, hatten wir ein wenig den Eindruck, auf Fuerteventura zu sein. Die Felsformationen sahen alle eben so aus, wie sie überall auf der Welt aussehen. Einzig die Joshua Trees paßten da nicht ins Bild. Beeindruckt waren wir zunächst aber nicht. Am ersten genannten Campground wies ein Schild darauf hin, daß er ausgebucht war, so daß uns nur noch eine einzige Möglichkeit blieb. Die verpaßten wir jedoch erst einmal, weil an einer Weggabelung unverständlicherweise kein Hinweisschild für den von uns gesuchten “Belle Campground” vorhanden war. Also fuhren wir munter vorbei, hatten auch kein Internet, was uns auf unseren Faux-Pas hätte aufmerksam machen können. Erst als wir den Park wieder verlassen hatten und das Navi im Handy uns immer wieder zurückführen wollte, fiel es uns auf. Also kehrten wir um (waren zum Glück nur 10 Meilen) und fanden dann auch den staatlichen Campground. Wir suchten uns einen schönen Stellplatz, hinterlegten $15 und genossen den Rest des Nachmittags und Abends.

Zum Sonnenuntergang postierte ich mich mit meiner Kamera und versuchte, einige vernünftige Bilder zu machen. Es wurde sehr schnell sehr dunkel und urplötzlich hörte man nur noch Tiergeräusche.

Freitag, 06.09.2019 (Tag 6): Joshua Tree NP – Kingman (195,3 Meilen)

Heute waren wir wirklich sehr früh wach – noch vor Sonnenaufgang. Es war sehr kühl draußen und das Decken unseres Frühstückstisches hinter dem Wohnmobil wurde von zwei Raben beobachtet. Nachdem wir fertig waren, entschied meine Frau, daß sie vom Campground bis zur Ausfahrt des Joshua Tree Nationalparks das Mountainbike nutzen wollte. Sie radelte los und ich fuhr die beiden Slideouts ein, machte noch ein paar Fotos und setzte mich dann ebenfalls in Bewegung. Am sechs Meilen entfernten Parkausgang trafen wir uns wieder, verluden das Fahrrad und bewegten uns nach Norden, denn es sollte nach Amboy gehen.

Bis wir dort waren, ließen wir die gestrigen Erlebnisse noch einmal Revue passieren und waren beide der Meinung, daß der Joshua Tree Nationalpark seine wahre Schönheit wirklich erst abends und nachts entfaltet. Kurz vor Amboy sahen wir am Horizont einen nicht enden wollenden Güterzug vorbeifahren und als wir die Bahngleise passieren wollten, sprang das Signal auf rot um, so daß wir nun unmittelbar vor uns einen weiteren Zug mit unzähligen Waggons vorbeirauschen sahen. Wir mußten unweigerlich schmunzeln, als er kurz vor Erreichen des Bahnübergangs sein Horn betätigte. Wie man’s aus dem Film kennt!

In Amboy hielten wir uns nur kurz auf. Wir waren ja auf der Durchreise. Es wurden einige Fotos gemacht, der Restroom aufgesucht und schon verließen wir die Ansammlung von einigen kleinen Häuschen wieder. Über Needles wollten wir es heute bis Kingman schaffen. Ich hatte vorher gelesen, daß die Landschaft zwischen Amboy und Needles sehr karg und menschenleer sein sollte. Als wir den Motor in Amboy gestartet hatten, fragte ich mich, was uns wohl erwarten würde, denn genau das hatten wir ja schon auf der Strecke bis gerade. Aber es stimmte tatsächlich. Es gab nichts zu sehen und als wir Needles erreicht hatten, erleichterten wir unsere Reisekasse um 180 Dollar, weil wir den Tank des Wohnmobils wieder auffüllten. Vielleicht hätten wir nicht unbedingt die erstbeste Tankstelle nehmen, sondern noch ein wenig bis zum Hinterland warten sollen, denn dort wurden die Spritpreise deutlich günstiger. Nun ja, war nicht mehr zu ändern.

Die Strecke von Needles nach Kingman wurde durch die Lage eines Walmart bestimmt. Das Navi schlug drei Routen vor und wir nahmen die, bei der der Walmart am Wegesrand lag. Die Getränkevorräte mußten auch wieder aufgefüllt werden. Knapp 75 Dollar ließen wir dort und verstauten die Einkäufe bei sage und schreibe 40 Grad Außentemperatur (Celsius, nicht Fahrenheit!) im Wohnmobil, bevor die Reise weitergehen konnte. In Kingman steuerten wir den Fort Beale RV Park an, den wir uns beim Tankstopp im Internet rausgesucht hatten. Wir wollten an den Strom, ans Wasser und mußten dringend waschen. Und während die Wäsche in der Maschine war, nutzten wir den kleinen Pool der wirklich sehr sauberen Anlage.

Samstag, 07.09.2019 (Tag 7): Kingman – Grand Canyon (190,1 Meilen)

Die Nacht hatte neun Stunden Schlaf für uns vorgesehen, so daß wir erst um kurz vor 7 Uhr wach wurden. Der Frühstückstisch war schnell gedeckt und anschließend wurden die üblichen Arbeiten erledigt: Müll entsorgen, Frischwassertank füllen, grey und black water leeren, Strom abklemmen, Slidouts einfahren und schon konnte es losgehen. Ein Teilstück der Route 66 stand auf unserem Programm. Von unserem Übernachtungsort Kingman sollte es über Seligman zum Grand Canyon gehen. Die ersten 7 Meilen saß ich alleine im Wohnmobil, weil meine Göttergattin mit dem Mountainbike vorfuhr. Diesmal ging es nicht nur schnurstracks geradeaus, sondern auch bergauf. Mir machte das im klimatisierten Wohnmobil wenig aus. Ich weiß nicht, wie es bei über 30 Grad auf dem Fahrrad war. 😛

In Hackberry stand der erste Stopp an. Wir schauten uns die alte Tankstelle in aller Seelenruhe an, machten Fotos, kauften Souvenirs und hatten das Gefühl, etwas entdeckt zu haben, was einmalig war. War es natürlich nicht. Also einmalig schon, aber eben voll auf die vorbeifahrenden Touris ausgerichtet. Aber das würden wir an diesem Tag noch häufiger erleben. In Seligman war es das nächste Mal soweit. Auch hier reihte sich eine Bude an die andere und jede versuchte den Nachbarn mit alten Autos oder Puppen zu übertrumpfen. Schön anzusehen war es auf jeden Fall, aber eben auch touristisch voll erschlossen.

Kurz vor Flagstaff war der Tank schon wieder halb leer und wir entschlossen uns zu einem Tankstopp. Eine Tankstelle bot 1 Gallone für $2.89 an, die gegenüberliegende Shell-Tanke für $3.49. Dummerweise akzeptierte die billigere Tankstelle keine Kreditkarten, so daß wir teuer bei Shell tankten, bevor wir anschließend nach Norden weiterfuhren. Ungefähr 60 Meilen waren bis zum Grand Canyon zurückzulegen und auf der Hälfte der Strecke war “Flintstones Bedrock City” beheimatet. Ich hatte vorher gelesen, daß der alte Inhaber irgendwann bankrott war und man das Gelände so erkunden könnte. Dem war aber nicht so. Man verlangte $5 pro Person. Da checkte ich doch erstmal, was man bei TripAdvisor so zu sagen hatte. Viele Einträge waren leider bereits älteren Datums, aber die eingestellten Fotos überzeugten uns nicht, so daß ich mich mit drei oder vier Außenaufnahmen begnügte, bevor es weitergehen konnte.

Als wir kurz vor’m Grand Canyon Visitor Center waren, hatte ich überhaupt nicht das Gefühl, mich in der Natur zu befinden. Entlang der Straße standen Hotels, Fast-Food-Buden und alles mögliche andere dicht an dicht – urplötzlich und eigentlich mitten im Wald. Das hat uns nicht gefallen. Der Besuch im Visitor Center und die Suche nach den Maps, die man normalerweise immer umsonst erhält, gestaltete sich sehr schwierig. Wir mußten einen Mitarbeiter des Shops, denn etwas anderes war das Visitor Center gar nicht, fragen und bekamen eine knappe und unfreundliche Antwort. Maps gab es keine. Herzlichen Dank! Dafür gab’s aber ne Eisdiele, ein Pizza Hut und ein kleines Kino. Wie war das noch mit “voll auf Touris ausgerichtet”?

Bei der Einfahrt in den Nationalpark bekamen wir dann jedoch von der freundlichen Mitarbeiterin unsere kostenlose Map, nachdem wir unseren Annual Pass und meinen Ausweis vorgezeigt hatten. Sie fragte, ob wir eine Map auf deutsch haben wollten, was mich ein wenig verwunderte, weshalb ich sie wiederum fragte, warum sie ausgerechnet darauf kommt, daß wir eine Map in deutsch wollten. Sie entgegnete mit einem breiten Grinsen “Well, i saw your id!”. Natürlich!

Wir suchten uns den Mather Campground aus, denn Strom und Wasser brauchten wir heute nicht. Hier war der Ranger an der Einfahrt auch wieder an Freundlichkeit nicht zu überbieten und ratterte seine Standardfloskeln runter. Als wir unseren Stellplatz gefunden und geparkt hatten, entdeckten wir den Grill und damit war das Abendessen vorgegeben. Es wurde gegrillt.

Nachdem wir uns gestärkt hatten, machten wir uns auf den Weg zum Mather Viewpoint. Dabei kamen wir an der Einfahrt des Campgrounds vorbei und vernahmen aufgeregte Menschen. Aufgrund der geparkten Wohnmobile konnten wir aber nichts erkennen. Ich sah rechts von uns lediglich mehrere Personen mit gezückten Smartphones und weit aufgerissenen Augen. Als wir an den Wohnmobilen vorbei waren, sahen wir den Grund der Aufregung: Keine 20 Meter entfernt stand ein riesengroßer Hirsch – ganz so, als ob er genau dorthin gehöre. Einige Menschen waren natürlich wieder sehr unvernünftig und gingen auf den Hirsch zu, um Fotos zu machen. Das wiederum veranlaßte das Tier sein mächtiges Geweih zu präsentieren, indem es den Kopf nach unten beugte und mit einem Vorderbein scharrte. Eine Rangerin rief die Menschen zurück und erklärte, daß der Hirsch sich durch die Leute, die ihn umzingelten, bedroht fühlte, zumal rechts von ihm mehrere Wohnmobile vorbeifuhren. Wir entfernten uns und sahen auf der anderen Straßenseite eine Hirschkuh mit ihrem Nachwuchs. Wir spazierten weiter und gingen irgendwann ein Stück durch den Wald, wo wir erneut zwei ausgewachsene Weibchen und ein kleines Kitz sahen, das vergnügt immer wieder in eine Pfütze sprang. Die beiden Weibchen schauten einmal kurz zum Weg, von sie ca. fünf Meter entfernt waren, und entschieden dann, daß wir keine Bedrohung waren und sie sich dem Fressen widmen konnten.

Nach einem knappen Kilometer kamen wir am Visitor Center am South Rim, also der Südkante des Grand Canyon an, nachdem wir zuvor einen Supermarkt, eine Bank und ein Hotel passiert hatten. Wohlgemerkt: Wir befanden uns eigentlich mitten im Wald! Touristisch erschlossen und so.

Selbstverständlich war es am Mather Viewpoint sehr voll, aber ich war mir sicher, daß ich schon einen guten Punkt für ein Foto vom Sonnenuntergang finden würde. Die Kamera hatte ich mit allen Objektiven im Rucksack, der Sonnenuntergang stand kurz bevor und so mußte ich nur noch mein Stativ aufbauen und es konnte losgehen. Das Problem an der Sache: Das Stativ lag auf dem Campground im Wohnmobil. Es war ja nicht so, daß wir extra des Sonnenuntergangs wegen, den ich fotografieren wollte, zum Aussichtspunkt gelaufen waren! Hab ich mich geärgert? Und wie!!! Aber wir waren in Amerika, wo alles positiv ist. Also mußte ich das Beste aus der Situation machen.

Aber zunächst einmal mußten wir die Kante des Grand Canyon erreichen. Vom Visitor Center aus bewegt man sich vorbei an zahllosen Parkplätzen und Gebäuden und ich hatte dabei das Gefühl, mich in einem Freizeitpark zu befinden. Es hätte mich auch nicht gewundert, wenn auf einmal Donald Duck oder wer auch immer an der Ecke gestanden hätte. Als wir dann endlich am Ende des Weges angekommen waren und wir einen Blick in die Schlucht werfen konnten, standen wir ungläubig da. Was war das denn bitte? Wie groß und unwirklich uns das erschien! Ich glaube, den Grand Canyon kann man nicht in Worten beschreiben und Fotos werden die Ausmaße niemals wiedergeben können. Einfach unbeschreiblich eben.

Ich versuchte, meinen Fehler so gut es ging, nicht zur vollen Entfaltung kommen zu lassen. Die Kamera lag auf dem Fotorucksack oder ich benutzte den Bohnensack. Ein kleines Stück des Geländers konnte ich mir immer sichern. Ob die Bilder brauchbar geworden sind, wird die Zukunft zeigen. Wenn nicht, dann werde ich mich nochmal ärgern.

Sonntag, 08.09.2019 (Tag 8): Grand Canyon – Monument Valley (185,2 Meilen)

Heute hieß es Abschied nehmen vom Grand Canyon. Nachdem wir bereits gestern die ersten Hirsche gesehen hatten und mehrere Blicke in den Grand Canyon werfen konnten, ging es heute damit weiter. Als wir den Campground gerade verlassen hatten, überquerte ein Hirsch die Fahrbahn und mehrere Rehe standen am Rand bzw. teilweise auch auf dem Asphalt. Unsere Route führte uns entlang des Grand Canyon South Rim, an dem es diverse Aussichtspunkte gibt, die wir alle anfuhren. Dem Vernehmen nach sollten der Mather Viewpoint, den wir gestern ohne Stativ besucht hatten, und der Grandview Viewpoint am schönsten sein. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Überwältigend sind die Blicke von überall, aber uns haben Lipan View und Desert View am besten gefallen.

Wir ließen den Grand Canyon hinter bzw. neben uns, denn wir konnten eine ganze Zeit lang immer noch die tiefen Risse in der Erdkruste sehen. Über Cameron ging es dann grob Richtung Nordosten zum nächsten Naturschauspiel, dem Monument Valley. Die Fahrt dorthin zog sich. Meilenweit ging es nur geradeaus und der Straßenzustand war wieder einmal nicht berauschend. Heftige Seitenwinde machten das Fahren anstrengend. Die Ausblicke entschädigten jedoch für die Strapazen. Strahlend blauer Himmel, fast rosafarbene Berge, grüne Pflanzen und grün-gelber Boden wurden von grauem Asphalt durchschnitten.

Unterwegs gab es ansonsten nichts zu sehen und nach einem kurzen Halt bei McDonald’s, weil die Frau einen Cappuccino haben wollte, erreichten wir um ca. 15.30 Uhr die Einfahrt zum Monument Valley. Wir hatten eine Stunde verloren, denn mittlerweile galt Utah-Zeit. Der Annual Pass wird beim Monument Valley nicht akzeptiert, so daß wir $20 zahlten, um überhaupt reinfahren zu dürfen. Wir fuhren am Visitor Center, das wir später zu Fuß aufsuchten, vorbei und fragten am “The View Campground” nach einem freien Stellplatz. Wir hatten Glück, zahlten $39.95 (plus Tax) und durften unser Wohnmobil abstellen. Meine erste Amtshandlung, bevor wir zum Visitor Center gingen, war die, daß ich mein Stativ aus dem Schrank nahm.

Zum Visitor Center nahm ich meinen Adapter-Stecker und das Ladekabel für den Akku der Spiegelreflexkamera mit, denn es war nur noch ein Balken Rest-Kapazität vorhanden. Eine Steckdose war schnell gefunden und so setzte ich mich ein Viertelstündchen neben das an der Steckdose hängende Ladegerät, damit ich zum Sonnenuntergang nachher nicht nur ein Stativ, sondern auch eine Kamera hatte, die noch Fotos machen konnte…

Montag, 09.09.2019 (Tag 9): Monument Valley – Lake Powell (167,9 Meilen)

Morgens stand die Sonne tief am Monument Valley, so daß wir keine Fotos mehr machen konnten. Also verließen wir den “The View Campground” wieder, von dem wir uns wirklich mehr versprochen hatten. Auch hier war Tourismus Trumpf. Ob das an Abzocke grenzt, wenn man gleich zweimal kassiert (für die Einfahrt und den Campground)? Obwohl der National Park Service das ja prinzipiell genauso praktiziert. Aber für das, was der Campground bietet, ist der Preis eindeutig zu hoch! Man kann schon sagen, daß wir ein Stück weit enttäuscht waren.

Jetzt stand der östlichste Punkt unserer Tour an: der Forrest Gump Point. Der heißt tatsächlich so und ist nicht nur in Google Maps so benannt. Seinen Namen hat er logischerweise vom gleichnamigen Film, weil genau an dieser Stelle Forrest Gump mit seinem Lauf aufhört. Gott sei Dank war hier kein Eintritt zu entrichten und neben der Fahrbahn befinden sich ausreichend große Haltebuchten. Selbstverständlich war auch hier alles voll von Touristen, die sich mitten auf die Fahrbahn legten oder setzten. Schöne Fotos konnte man so keine machen, das war klar.

Auf der Fahrt vom Forrest Gump Point Richtung Westen, also ein Stück unserer gestrigen Strecke, sinnierte ich so darüber, ob es wohl überhaupt irgendwo noch ein schönes und bekanntes Fotomotiv gibt, welches noch nicht “totfotografiert” wurde. Mir klangen die Worte von Benjamin Jaworskyj in den Ohren (“Wenn Du ein Foto haben willst, was keiner hat, mußt Du machen, was keiner macht” oder so ähnlich). Aber was könnte das sein? Ein Foto aus dem Grand Canyon? Hubschrauberflüge haben schon Tausende Menschen gemacht und Rafting-Touren auch. Mir fiel kein Beispiel ein. Und so schweiften die Gedanken durch die Gegend. Immer, wenn in der weiten Landschaft ein einzelnes Haus auftauchte, stellte ich mir die Frage, wer dort wohl wohnen mag. Wie verdient so jemand seinen Unterhalt? Wie lernt ein dort lebender Mann bzw. dort lebende Frau einen Partner kennen? Wie kommen die Kinder an ihre Spielpartner? Ob die Bewohner solcher Häuser die neuesten Kinofilme kennen? Oder Walmart? Fragen, auf die es keine Antworten gab.

So langsam fuhren wir auf Page zu und entschieden uns, zunächst einen Abstecher zum südlich davon gelegenen Horseshoe Bend zu machen. Als wir von weitem auf der rechten Seite einen großen Parkplatz sahen, schwante uns Böses. Und genauso kam es: Der Parkplatz gehörte zum Horseshoe Bend. $10 mußte man entrichten, um dort parken zu dürfen. Da es keinerlei andere Parkmöglichkeiten gab, blieb dem Touristen überhaupt nicht anderes übrig. Und wieder Touristen-Nepp! Anschließend wartete ein gut zwanzigminütiger Fußmarsch bergauf und bergab durch Sand auf uns, den man nicht ohne Wasser beginnen darf. Das, was uns dann am Ende erwartete, entschädigte für die kleine Wanderung. Es gab einen traumhaften Ausblick zu genießen und obwohl sich mehr als hundert Menschen hier tummelten, gab es immer eine freie Fläche, von der aus man sogar halbwegs gute Fotos machen konnte.

Als wir wieder im Auto saßen, steuerten wir den Glen Canyon Dam Overlook an, der sich ebenfalls kurz vor Page befindet. Hier waren wir fast ganz alleine. Über felsiges Terrain bewegt man sich nach unten (Es gibt aber ein Geländer, an dem man sich festhalten kann.), wo einen ebenfalls ein sehr schöner An- und Ausblick erwartet.

Anschließend stand die Entscheidung an, ob wir bis Kanap fahren oder einen nördlich von Page am Lake Powell gelegenen Campground anfahren sollten. Wir entschieden uns aufgrund der Mittagszeit dafür, den Campground bei Page zu nehmen. So könnten wir wenigstens noch fast einen ganzen Tag Urlaub genießen. Außerdem hofften wir auf Strom und Wasser.

Als wir am Campground ankamen, teilte man uns zuerst einmal mit, daß es keine Stellplätze mehr mit Strom- und Wasseranschluß gab. Eine Dump Station war jedoch vorhanden und Wasser auffüllen konnte man auch. Das machten wir als Erstes und fuhren dann zu unserem Stellplatz, der jedoch für unser Wohnmobil mit den Slideouts zu klein war, denn die hätten in die Fahrbahn geragt. Also fuhren wir wieder zum Registration Office und wunderten uns unterwegs über ein klackerndes Geräusch. Die Aussage meiner Frau “Jetzt haben wir bestimmt einen Platten!” ignorierte ich. Als wir am Parkplatz ankamen, stiegen wir aus und hatten Gewißheit – und einen platten Reifen. Hervorragend!

Ich rief den Wohnmobilverleiher in Kalifornien an, teilte ihm unsere Misere mit und man sagte einen Rückruf zu. Der kam auch ca. 90 Minuten später, nachdem wir es uns auf dem Asphalt des Parkplatzes bequem gemacht hatten. Das hieß in dem Fall, daß wir einen Campingstuhl ausgepackt und uns hingesetzt hatten. Beim Rückruf erfuhr ich, daß niemand kommen und unseren Reifen wechseln würde. Vielmehr würde unser Wohnmobil morgen abgeschleppt. Jetzt mußte vom Verleiher nur noch ein Termin mit dem Ford Dealer gemacht werden, der uns dann wiederum mitgeteilt werden mußte. Der Anruf kam natürlich nicht. Also suchte ich eine Stelle, an der ich vermeintlich Netz hatte, rief erneut beim Wohnmobilverleiher an und bekam nur zu hören, daß man mich nicht verstehen könne. Ich solle den Standort wechseln und erneut anrufen. Ich erkundigte mich nach den Öffnungszeiten des Büros für den nächsten Tag und beschloß, erst dann einen weiteren Versuch zu starten.

Dienstag, 10.09.2019 (Tag 10): Lake Powell – Mount Carmel (87,1 Meilen)

Nachdem wir aufgewacht waren, schnappte ich mir mein Handy und wählte die Nummer des Wohnmobilverleihers, aber es kam keine Verbindung zustande. Ich ging Richtung Campground-Office, ließ das Handy aber weiterhin wählen. Als ich dort ankam, brach ich den Versuch ab, schilderte mein Problem und bat darum, vom Festnetz aus anrufen zu dürfen. Die knapp zehn Minuten in der Warteschleife waren gar nicht so lang, wie sie sich anhören. Endlich ging ein Mitarbeiter in die Leitung und ich gab unsere Nummer durch, damit ich nicht alles erneut schildern mußte. Dann fragte ich, wann denn wohl mit dem Erscheinen des Abschleppwagens zu rechnen wäre. Mir wurde der Zeitraum zwischen 10 p.m. und 10.30 p.m. mitgeteilt. Also hatten wir noch etwas Zeit für ein Frühstück und konnten anschließend alles verstauen, aufräumen usw. Während ich ein kleines Schläfchen machte, fuhr meine Frau mit ihrem Fahrrad zum Lake Powell und konnte dort in kürzester Entfernung einen Kojoten entlanglaufen sehen. Eigentlich hätte da auch noch was passieren müssen – bei dem Glück, das wir hatten. Als meine Frau zurückkehrte, sprang ich noch schnell unter die Dusche und nach wenigen Augenblicken rief meine Frau, was ich denn machen würde, weil aus dem Abwasserschlauch Wasser laufe. Da hat wohl jemand am gestrigen Tag das Ventil nicht geschlossen! Also wurde das entsprechende Fach komplett gesäubert und vom Abwasser befreit. Zu allem Überfluß sprang meine Frau beim Erkennen des Umstandes auf. Dumm war dabei, daß sie unmittelbar vor dem Slideout im Schatten saß und dadurch ihr Kopf eine Begegnung mit der Kante des Slideouts hatte.

Der Abschlepper kam nicht um 10.00 Uhr, nicht um 10.30 Uhr , nicht um 11.00 Uhr, nicht um 11.30 Uhr – er kam überhaupt nicht. Meine Frau hatte mittlerweile bereits unsere travel agency per Email kontaktiert und als Antwort erhalten, daß wir mit maximal $1500 rechnen müßten. Der Kreditrahmen der Kreditkarte mußte also erhöht werden. Der Wohnmobilverleiher hatte sich auch schon $1000 geblockt, so daß der Rest nicht mehr reichen würde. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet uns, daß die Bank in Deutschland noch geöffnet sein müßte. Also rief meine Frau dort an und ließ den Kreditrahmen erhöhen. Von daher wußten wir, daß es an einer bestimmten Stelle Handyempfang gab, den wir dann um kurz vor 12.00 Uhr nutzten, um ein weiteres Mal beim Wohnmobilverleiher anzurufen. Als der Mitarbeiter unsere Daten sah, sprach er auf deutsch weiter. Sehr gut, das vereinfachte die Sache erheblich. Er konnte aber lediglich sehen, daß ein Unternehmen beauftragt wurde, aber nicht, wie der derzeitige Stand war. Er wollte sich informieren und sagte uns einen Rückruf zu, der ca. 15 Minuten später auch tatsächlich erfolgte. Es gab wohl eine Planänderung: Unser Camper sollte nicht mehr abgeschleppt, sondern der Reifen doch vor Ort repariert werden. Der Haken an der Sache war der, daß derjenige, der das erledigen sollte, eine Anfahrt von 200 Kilometern hatte und erst um 15.00 Uhr bei uns sein würde. Lief bei uns!

Ich wollte noch kurz ein Foto von unserem Ausblick machen und schnappte mir meine Digitalkamera. Warum leuchtete das Display? Die Antwort konnte ich mir sofort selber geben, denn die Kamera war eingeschaltet und das die ganze Nacht. Der Akku war jetzt fast leer. Lief bei uns!

Wir rollten ganz langsam von unserem Stellplatz zum Parkplatz des Office, teilten dort mit, daß wir stehen bleiben müßten, was kein Problem darstellte. Die Zeit bis 15.00 Uhr nutzten wir, um unsere Wäsche zu waschen und die dortigen Steckdosen dafür, Netbook und Kamera aufzuladen. Und dabei warteten wir auf das, was um 15.00 Uhr passieren sollte…

Um 15.00 Uhr passierte … nichts. “Natürlich” waren wir mittlerweile geneigt zu sagen. Um kurz vor 16.00 Uhr rief ich zum x-ten Mal bei unserem Wohnmobilverleiher an und teilte mit, daß wir mittlerweile “sick and tired” von der ewigen Warterei seien und wann denn endlich mal jemand käme. Kaum hatte ich das ausgesprochen fuhr ein Pickup vor, dessen Aufschrift “Murphy Towing” lautete. Ich entschuldigte mich am Telefon und wir begrüßten den älteren Herrn, der sich des Reifens annehmen sollte. Er erklärte uns zunächst, daß wir am Ende 480 Dollar zu zahlen hätten. Ich fragte ihn, wie lange er wohl brauchen würde. Er sprach von einer halben Stunde. Beendet war die gesamte Aktion schließlich knapp zwei Stunden später. Zunächst einmal war es wohl sehr kompliziert, die beiden Reifen von der Felge zu trennen, denn es mußten tatsächlich beide Reifen gewechselt werden. In den Arbeitspausen kamen wir ins Gespräch und er erzählte uns, daß er 190 Meilen Anfahrt hatte. Ich fragte ihn, ob er einen Vertrag mit unserem Wohnmobilverleiher hätte und erzählte ihm das, was uns seit gestern so alles mitgeteilt wurde. Daraufhin erklärte er, daß niemand Lust habe, einen Reifen vor Ort zu wechseln und stattdessen lieber abschleppen würde, weil das wesentlich mehr Geld einbrächte. Er selber arbeitete bereits seit 02.30 Uhr am Morgen und mittlerweile hatten wir fast 17.00 Uhr. Als sein Boss ihn fragte, ob er Lust auf den Auftrag hätte, lehnte er aufgrund seiner bereits knapp 12stündigen Arbeitszeit ab. Daraufhin wollte sein Chef einen Truck zum Abschleppen schicken und als der Mann das mitbekam, erklärte er sich doch bereit, den Auftrag zu übernehmen, weil er es nicht in Ordnung fand, daß man den Touristen so ihr Geld aus der Tasche zog. Sehr, sehr nett! Als beide Reifen schließlich gewechselt waren, streikte der Kartenleser, so daß wir nicht bezahlen konnten. Lief bei uns, aber das hatten wir ja bereits! Also ging ich zum Office des Campgrounds und schilderte dort das Problem. Glücklicherweise gab es dort einen ATM-Automaten, an dem wir Geld ziehen konnten. Pro Vorgang wurden maximal 200 Dollar ausgezahlt. Zwei Personen = zwei Kreditkarten = 400 Dollar. Fehlten also immer noch 80 Dollar und Trinkgeld. Ich probierte meine Karte erneut aus und siehe da: Ich konnte nochmal 200 Dollar auszahlen lassen. Pro Auszahlvorgang wurden übrigens §3.50 Gebühr fällig. Damit konnten wir dann wenigstens die Rechnung begleichen und dem Mann, der anschließend eine dreistündige Heimreise vor sich hatte, 70 Dollar Trinkgeld geben.

Wir setzten unsere Fahrt endlich fort und verließen den Lake Powell. Die Frage war, ob wir heute nur bis Kanab oder bis in den Zion Nationalpark fahren sollten. Als wir Kanab (ein sehr schönes Städtchen übrigens) erreichten, hielten wir nicht an, sondern fuhren weiter. Aufgrund der kurvenreichen Straße sollten wir für die restlichen 40 Meilen knapp eine Stunde brauchen, zumindest laut Navi. Wir hatten in der knappen Woche bereits die Erfahrung gemacht, daß es nach Sonnenuntergang schlagartig dunkel wurde und zwar richtig dunkel. Und die Sonne war verschwunden, als wir Kanab passiert hatten. Es dauerte nicht mehr lange und es war tiefe Nacht. Also hielten wir beim nächsten RV Park an und stellten fest, daß er zu einer Shell-Tankstelle gehörte. Es war mittlerweile 20.15 Uhr und wir buchten uns einen Stellplatz für 44 Dollar – immerhin Full Hook-Up. Als alles angeschlossen war, ging ich nochmal zur Tankstelle, um nach dem Paßwort für’s Wifi zu fragen, doch die Tankstelle war bereits geschlossen. Da hatten wir wohl Glück gehabt, also daß wir noch einen Stellplatz mieten konnten – wenigstens einmal heute!

Mittwoch, 11.09.2019 (Tag 11): Mount Carmel – Valley of Fire State Park (161,5 Meilen)

Es war diesmal eine lange Nacht, wie wir feststellten, als wir nach zehn Stunden aufwachten. Wir suchten noch einmal die Shell-Tankstelle samt angeschlossenem Trading Post auf, kauften Postkarten und Mitbringsel und schon ging es weiter Richtung Westen zum Zion Nationalpark.

Als wir den erreichten, mußten wir trotz Annual Pass weitere 15 Dollar zahlen, um den mitten auf der Strecke durch den Park liegenden Tunnel benutzen zu dürfen. Wie war das nochmal mit den Neppern, Schleppern und Bauernfängern? Wir fanden es gelinde gesagt eine Frechheit, daß wir quasi doppelt zur Kasse gebeten wurden. Zwar entschädigte der Zion Nationalpark voll und ganz dafür, aber schön ist es trotzdem nicht, wie man hier versucht an das Geld der Touristen zu kommen. Die Landschaft im Zion Nationalpark war traumhaft schön. Zu gerne hätte ich den Zion Overlook besucht, aber die dort befindlichen ca. 10 Parkplätze waren alle belegt. Überhaupt war es sehr, sehr voll im Park. Ein Anhalten war an vielen Stellen überhaupt nicht möglich, weil sämtliche Flächen mit Pkw zugestellt waren. So war es uns leider nicht möglich, für mehr als einen Fotostopp auszusteigen. Beim Parkausgang besuchten wir noch das Visitor Center und das war’s auch schon wieder. Die südwestlich an den Park angrenzende Ortschaft war ebenfalls wunderschön. Wollte man hier parken, mußte man für einen Pkw $20 zahlen (in Worten: zwanzig!). Nach Parkplätzen für unser Wohnmobil haben wir erst gar nicht geguckt.

Der folgende Streckenabschnitt führte wieder durch weites Land. Zwischendurch tankten wir erneut und wurden um 128 Dollar erleichtert. Der Walmart-Einkauf verschlang weitere 114 Dollar. Im Valley of Fire State Park, unserem heutigen Endpunkt, erfuhren wir durch ein Schild an der Einfahrt, daß auch hier der Annual Pass nicht gilt und man für die Durchfahrt eine Gebühr zu zahlen habe. Und die nächste Touri-Abzocke. Mittlerweile ging uns das richtig gegen den Strich. Aber was sollten wir machen?! Bei einem kleinen Fotostopp am Eingangsschild qualmte es auf einmal aus dem Fußraum auf der Fahrerseite und roch verbrannt. Nach geschätzten fünf Sekunden war der Spuk bereits wieder vorbei, aber irgendwie hatten wir ein ungutes Gefühl. Wir steuerten den Atlatl Campground an, zu dem es nur noch ein kurzes Stück war, bezahlten insgesamt $30 und hatten einen Stellplatz mit Strom und Wasser. Wenn man das Wifi nutzen wollte, mußte man jedoch wiederum eine Gebühr bezahlen. Abzocke? Hm… So hatten wir dann eben kein Internet – war die letzten Tage ja schon oft genug der Fall. Und ohne geht’s auch.

Donnerstag, 12.09.2019 (Tag 12): Valley of Fire State Park – Las Vegas (76,5 Meilen)

Heute sollte es nach Vegas gehen. Vor der Abfahrt inspizierte meine Frau zunächst einmal den Feuerlöscher, um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein. Dann konnte es losgehen. Bis Vegas waren es laut Straßenschild 41 Meilen, aber wir wollten dann doch erstmal die ortsansässige Filiale unseres Wohnmobilverleihers aufsuchen. Bis dahin waren es laut Navi 60 Meilen, die wir schnell hinter uns brachten. Von der Autobahn konnten wir einen ersten Blick auf die zahlreichen Hochhäuser werfen. Sah zwar imposant aus, aber irgendwie nicht so, daß wir geflasht waren. Aber wir hatten ja auch anderes im Kopf. Als wir bei “Apollo RV” ankamen und unser Problem schilderten, teilte man uns mit, daß wir sofort die Roadside Assistance hätten anrufen müssen. Wie das denn wohl ohne Handynetz aus dem Valley of Fire gehen sollte, darauf wußte die freundliche Dame am Empfang auch keine Antwort. Dann hätte der Anruf direkt am Morgen erfolgen müssen, weil sie generell für alles, was sich hinter dem Fahrersitz befindet, verantwortlich seien und der Qualm deutete auf ein Problem mit dem Motor hin. Als ich vor der Filiale einparkte, war mir aufgefallen, daß die Rückfahrkamera nicht mehr funktionierte, so daß ich davon ausging, daß das irgendwie zusammenhing. Die Dame kontaktierte den Filialleiter, der sein Okay dazu gab, daß man sich das Problem mal kurz anschaute. Und nach nicht einmal einer Stunde konnten wir unsere Fahrt fortsetzen. Des Rätsel’s Lösung: Das Kabel der Rückfahrkamera war hinter der Verkleidung zwischen bewegliche Teile geraten und durchgeschmort. Jetzt funktionierte aber alles wieder und es konnte endlich nach Las Vegas gehen, wo wir um 12.00 Uhr ankamen. Wir probierten unser Glück beim “RV Park at Circus Circus” – ganz einfach, weil er am nächsten am Strip liegt. Es gab freie Plätze und wir buchten zunächst für eine Nacht mit der Option auf eine weitere.

Der Campground selber bietet zwar Full Hookup, ist ansonsten aber lediglich eine asphaltierte Fläche mit wenig Charme. Die Toiletten und Duschen waren nicht unbedingt das, was man sauber nennen würde. Nachdem wir uns eingerichtet und eine Kleinigkeit gegessen hatten, mußten wir uns entscheiden, ob wir sofort losziehen oder erst noch etwas relaxen sollten. Wir entschieden uns für sofortigen Aufbruch und ich wollte dann nach Einbruch der Dunkelheit nochmal mit großer Kamera und Stativ los. Daraus wurde aber dann doch nichts. Zur Mittagsrunde war aufgrund der Temperaturen leichtes Gepäck angesagt, also kein Rucksack, sondern nur die kleine Kamera und das Smartphone. Um kurz vor 14 Uhr gingen wir los und erkundeten den Strip, zu mehr sind wir auch nicht gekommen. Vom Circus Circus und der ersten Berührung mit der Glitzerwelt waren wir dann doch ein wenig irritiert. Wieviele Automaten hier aufgestellt waren! Wie im Fernsehen. 😛 Und wieviele Kreaturen hier rumliefen! Auch wie im Fernsehen.

Wir betraten die Straße, also den Strip, und mußten erstmal an einer großen Baustelle vorbei (Bau des “Resorts World”), ehe wir dort ankamen, wo sich dann tatsächlich alles abspielt. Und gleich wurden sämtliche Sinne bedient: Von oben knallte die Sonne, aus den Casinos und Geschäften drang die eiskalte Luft nach draußen und es roch nach Gummibärchen, Zuckerwatte und Freizeitpark. Und irgendwie ist Las Vegas auch genau das. Auf dem Hinweg Richtung Süden bewegten wir uns auf dem westlichen Bürgersteig und schauten uns einiges von dem an, was uns da entgegenkam. Bis zum “New York, New York” wollte ich und das haben wir auch geschafft. Zwischendurch war ein Gedränge und hinter einer Polizeiabsperrung war Werbung von Good Year und Nascar aufgestellt, so daß wir davon ausgingen, daß es sich um irgendjemand mit Bezug zur amerikanischen Rennserie handelte. Gesehen haben wir ihn auch, aber erkannt nicht.

Auf dem Rückweg ging es auf der anderen Seite nach Norden. Einen längeren Aufenthalt hatten wir nur im “Venetian”, wo es uns wirklich sehr gut gefallen hat. Als wir den nördlichsten Punkt, den Stratosphere Tower, erreicht hatten, war es längst finstere Nacht geworden und wir hatten unterwegs dreimal Getränke kaufen müssen. Für die Fahrt zur Aussichtsetage “SkyPod” bezahlten wir $24 pro Person. Oben angekommen war ich persönlich wieder ein wenig enttäuscht, denn durch die schrägen Scheiben war Fotografieren fast unmöglich, weil sich aufgrund der Dunkelheit alles spiegelte. Anschließend gingen wir zurück zum RV Park, wo wir um ca. 22.00 Uhr ankamen. Acht Stunden waren wir unterwegs! Mein Schrittzähler zeigte mir 15,82 km an. Somit war der Abend beendet und ich ging eben nicht mehr mit der großen Kamera los. Die paar Fotos mit der kleinen Kamera mußten dann reichen.

Unser Vegas-Fazit: Aus eigentlich geplanten zwei oder drei Übernachtungen machten wir nur eine. Wir hatten einiges gesehen und nichts davon war es wert, sich länger damit auseinanderzusetzen. Las Vegas ist eine irreale Welt voller Reizüberflutung. Es ist laut, stellenweise viel zu laut. Und negativ fielen uns die vielen Obdachlosen auf, die einem leid tun können. Da machen die Casino-Betreiber Millionen und ein paar Meter weiter muß ein Obdachloser alte Getränkebecher aus dem Mülleimer fischen und die Reste oder das geschmolzene Eis trinken. So konnten wir es jedenfalls beobachten. Zudem störte uns der fürchterliche Marihuana-Gestank an vielen Ecken. Nach derzeitigem Stand zieht uns also nichts mehr nach Las Vegas – gestrichen von der bucket list.

Freitag, 13.09.2019 (Tag 13): Las Vegas – Beatty (200,7 Meilen)

Am späten Vormittag war es an der Zeit, Las Vegas zu verlassen. Der Hoover Dam war das nächste Ziel unseres Trips. Dummerweise waren wir gestern, als wir zu Apollo fuhren, auf dem Weg in Richtung Hoover Dam, aber da wollten wir ja zuerst nach Vegas. Jetzt fuhren wir die gleiche Strecke nochmal und mußten sie nachher auch wieder zurück. Na ja, sowas gehört auch dazu.

Kurz vor’m Hoover Dam wurde unser Wohnmobil einer Sicherheitskontrolle unterzogen (natürlich sämtliche Fahrzeuge, die sich näherten). Selbstverständlich gab es nichts zu beanstanden und wir durften weiterfahren. Uns wurden drei Nummern von Parkplätzen genannt, auf denen wir parken durften. Also überquerten wir den Hoover Dam und waren fasziniert vom Anblick. Mit maximal 15 mph bewegten wir uns vorwärts, was aber niemanden störte, denn das war eh die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. So konnte man wenigstens schon mal ein wenig gucken. Der erste uns zur Verfügung stehende Parkplatz war voll, aber beim zweiten hatten wir Glück. Das Wohnmobil wurde abgestellt, Getränke eingepackt, die Kamera geschultert und schon konnte es losgehen. Von unserem Parkplatz aus mußten wir zunächst vielleicht hundert Meter entlang der Straße bergab spazieren, ehe der nächste Parkplatz kam, von dem aus eine Treppe zum übernächsten Parkplatz nach unten führte. Dort wiederum gab es die nächste Treppe, die einen zum kostenpflichtigen Parkplatz direkt am Hoover Dam brachte. Auf dem Hinweg ging’s noch, aber wir mußten das alles ja auch irgendwann mal wieder zurück…

Der Besuch des Hoover Dam an sich gestaltete sich so, daß wir ausreichend Fotos machten und dabei auch mal an einem der zahlreichen Fußgängerüberwege die Straßenseite wechselten, damit wir uns beide Seiten anschauen konnten. Das am Ende des Damms liegende Visitor Center ließen wir aus. Statt dessen gingen wir zum etwas dahinter liegenden Geschäft, das “food and gifts” feilbot, bevor wir wieder zurückgingen. Mittlerweile machte sich tatsächlich die Hitze bemerkbar und als wir am Wohnmobil ankamen, hatten wir zu zweit 1,5 Liter Wasser getrunken. Unterwegs wunderten wir uns über die Menschen, die uns mit nacktem Oberkörper, ohne Getränke oder mit Badelatschen entgegenkamen. Nun ja, jeder ist seines Glückes Schmied!

Im Wohnmobil hatten wir keine Zeit, die Eindrücke zu verarbeiten, denn der nächste Stopp mußte festgelegt werden. Wir entschieden uns für Beatty, das in Höhe des Death Valley liegt. Letzteres durften wir mit unserem Wohnmobil aufgrund einer Beschränkung von Apollo RV nicht befahren, so daß wir es auslassen mußten. Als wir die Interstate nach wenigen Meilen erreicht hatten, lagen 150 Meilen vor uns, wobei wir nicht einmal abbiegen mußten. Und es wurden 150 relativ eintönige Meilen, denn zwischen Las Vegas, das wir vorher noch passieren mußten, und Beatty lagen außer einem Gefängnis auf der linken Seite im Nirgendwo, der Creech Air Force Base auf der rechten Seite und einer Tankstelle überhaupt nichts. Es gab keine Ortschaften, keine Ampeln, keine Leuchtreklame, nichts. Als wir bereits etliche Meilen gefahren waren, sah ich im Rückspiegel mehrere Motorräder heranrauschen. Als sie an uns vorbeifuhren, erkannten wir auf dem Rücken die Aufschrift “Hells Angels Nevada”. Irgendwann verschwand die Gruppe am Horizont und wir waren teilweise über Meilen das einzige Fahrzeug, das hier zu sehen war. Als wir Beatty erreichten, mußten wir dann doch noch einmal abbiegen, denn unterwegs hatten wir uns den “Beatty RV Park” augesucht, weil er durchweg gute Bewertungen hatte und mit Full Hookup lediglich 25 Dollar kosten sollte. Es wurde nur bemängelt, daß er direkt an einem Highway liegt und durch die vorbeifahrenden Fahrzeuge sehr laut sei. Störte uns Stadtkinder das? Nein! Wir bekamen einen Stellplatz, der tatsächlich zwanzig Meter vom Highway entfernt war. Das gelobte Wifi funktionierte jedoch nicht so, wie wir es erhofft hatten. Dafür hatten wir aber die Möglichkeit, unsere Wäsche zu waschen und strapazierten die Reisekasse nicht allzu sehr.

Als wir vor dem Wohnmobil den Tisch und die Stühle aufgestellt und das Abendessen konsumiert hatten, sah meine Frau Flughunde vorbeifliegen – das allererste Mal in freier Wildbahn.

Samstag, 14.09.2019 (Tag 14): Beatty – Bishop (152,5 Meilen)

Drei Meilen waren es bis zum Ortskern von Beatty, um unseren fahrbaren Untersatz aufzutanken. $129 Dollar wanderten in die Kassen der Tankstelle. Anschließend gaben wir als Ziel Bishop in Kalifornien ins Navi ein und dort wollten wir dann schauen, ob wir noch bis zum Mono Lake fahren würden oder nicht. Das Navi zeigte uns eine Strecke von knapp 150 Meilen an, von denen die ersten 50 tatsächlich schnurstracks geradeaus führten. Einen weiteren Eindruck davon, was “Weite” bedeutet, erhielten wir auf diesem Teilstück. Ich suchte mir irgendwann einen Punkt am Horizont, zu dem die Straße führte, und schaute auf den Kilometerzähler. Als wir den Punkt erreicht hatten, waren exakt 14 Meilen zurückgelegt.

Im zweiten Abschnitt ging es in die Berge und serpentinenartig mit maximal 25 mph weiter. Zwischendrin hielt ich mal für einen Fotostopp an und anschließend bemerkten wir wieder den verbrannten Geruch und es kam Qualm aus dem Fußraum. Sofort checkte ich, ob die Rückfahrkamera noch funktionierte, was sie nicht mehr tat. Da hatte man das in Vegas ja wirklich nachhaltig repariert.

Als wir die Berge verlassen hatten, war Bishop bereits in Reichweite. Dort angekommen, schauten wir im Internet, ob und wieviele Campgrounds es am Mono Lake gibt. Wir fanden lediglich einen einzigen und da war uns das Wagnis zu groß, daß wir nachher dort keinen Stellplatz kriegen würden, so daß wir in Bishop blieben. “Brown’s Town Campground” war unsere Wahl, wir bezahlten $33 für Strom und Wasser und stellten unser Wohnmobil um 13.30 Uhr ab.

Sonntag, 15.09.2019 (Tag 15): Bishop – Sonora (232,9 Meilen)

Wohin es einen manchmal verschlägt! Bei Camping-Touren ist es ja häufig so, daß man morgens noch nicht weiß, wo man abends sein wird. Aber man hat zumindest einen groben Plan von der Richtung. Den hatten wir heute auch – eigentlich.

Gleich nach dem Aufstehen um 07.30 Uhr (bei 12 Grad) und beim Frühstück suchte ich Strecken und Entfernungen zusammen, damit wir auch ja nichts vergessen bzw. die kürzesten Wege zurücklegen. Heute sollte eines der Highlights des ganzen Urlaubs folgen, denn der Yosemite Nationalpark, von dem sämtliche Besucher begeistert sind, stand auf dem Plan. Von Bishop aus steuerten wir zunächst den Mono Lake an. Bereits auf dem kurzen Fußweg vom Parkplatz zum See umschwirrten einen die Fliegen und es stank. Und mit jedem Meter wurde beides mehr. Der Natronsee ohne natürlichen Ablauf ist einer der ältesten Seen Amerikas. Kann man sich anschauen, muß man aber nicht unbedingt.

Kaum saßen wir wieder im Auto, wuchs die Vorfreude auf Yosemite. Wir fuhren ein paar Meilen zurück und bogen in Richtung Parkeinfahrt ab, die wir schnell erreichten. Eine wahnsinnig lange Fahrzeugschlange war vor uns zu erkennen. Glücklicherweise stand vor der Einfahrt, an der das Ticket zu lösen ist, ein Ranger, der jeden am Häuschen vorbeilotste, der einen Annual Pass vorweisen konnte. Wir durften also auch entgegen der Fahrtrichtung links am Häuschen vorbeifahren und waren im Yosemite Nationalpark. Der erste Halt sollte am Tenaya Lake sein. Bis wir dort waren, dauerte es allerdings eine Weile. An sämtlichen Möglichkeiten, für eine kurze Pause anzuhalten, standen dermaßen viele Autos geparkt, daß wir darauf verzichten mußten. Und aufgrund der extrem vielen Fahrzeuge dauerte es eben auch ein wenig. Als wir jedoch am Tenaya Lake ankamen, bot sich uns das gleiche Bild: Sämtliche Parkmöglichkeiten waren erschöpft. Ca. hundert Meter weiter entdeckten wir jedoch genügend Platz, um unser Wohnmobil abstellen zu können. Ich packte meine Kamera und wir spazierten am Ufer des Sees wieder zurück. Östlich am Tenaya Lake befindet sich ein kleiner Strand, zu dem wir gingen und ein wenig die grandiose Aussicht auf die Felsformationen um uns herum genossen. Irgendwann kehrten wir zum Wohnmobil zurück und setzten unsere Fahrt bis zum Olmsted Point, der sich ca. 4 km entfernt befindet, fort. Dort wollten wir erneut anhalten und über die Felsen kraxeln, um einen atemberaubenden Blick ins Tal und auf den Half Dome zu haben. Als alle Fotos im Kasten waren und wir uns sattgesehen hatten, starteten wir den Motor erneut.

In der Folgezeit schlängelte sich die Straße bergauf und bergab entlang der Felsen bis zu einer Tankstelle, die wir nutzten, um für $50 nachzutanken. Im letzten Ort vor dem Nationalpark wollte man $4.99 pro Gallone haben, was uns eindeutig zu teuer war. Jetzt war die Tanknadel aber mittlerweile unter die Hälfte gesunken und aufgrund des Programms und des Streckenverlaufs schien uns das Tanken angebracht. Zudem kostete die Gallone hier erstaunlicherweise “nur” $4.59. Die weitere Route führte ins Yosemite Valley, wobei es unmittelbar neben der Straße stellenweise steil bergab ging. Jetzt bloß kein Fahrfehler! Schön zu fahren war es insgesamt im Nationalpark jedenfalls nicht. Wir wollten am Visitor Center anhalten. Auf dem Weg dorthin waren die Zufahrtstraßen verstopft, links und rechts waren sie gesäumt von Spaziergängern und Wanderern. Am Visitor Center selber suchten wir nach einem freien Parkplatz. Es schien hier mehr los zu sein, als im Phantasialand. Entlang der Straßen war alles zugeparkt und auch auf den Parkplätzen war nicht ein freies Stück Asphalt mehr zu sehen. Beziehungsweise war es für uns noch komplizierter, denn an jedem Parkplatz stand, daß Trailer und RV dort nicht parken dürften, aber eine Beschilderung, wo sie es können, fehlte gänzlich. Und so irrten wir durch den Wald und mußten irgendwann die vom Ranger erhaltene Map zur Hand nehmen. Wir fanden immerhin den Weg weg vom Visitor Center und Richtung Campgrounds, von denen es im Valley vier Stück gibt. Ein Schild “Campground Reservation” schien uns zielführend, so daß ich den dort liegenden Parkplatz anfuhr. Hier bot sich das gleiche Bild (also voller Parkplatz und massenhaft Menschen). Am Schalter, an dem wir vorbeifuhren, standen die Leute ebenfalls Schlange. Als wir einen halbwegs vernünftigen Abstellort für’s Wohnmobil gefunden hatten, konnten wir uns selber anstellen. Die Schautafel wies allerdings bereits sämtliche im Valley befindlichen Campgrounds als “full” aus. Bei einigen anderen Campingplätzen sollte es vielleicht noch freie Plätze geben. Ein wenig ratlos standen wir nun da. Wie sollte es weitergehen?

Wir beratschlagten die Möglichkeiten. Wir könnten uns hier anstellen und darauf hoffen, daß evtl. noch irgendwo im Valley ein Stellplatz frei werden würde. Problem daran: Das könnte dauern und wenn wir Pech hätten, müßten wir den ganzen Weg im Dunkeln zurückfahren. Und den Weg im Dunkeln? Nein, danke! Zweite Möglichkeit: Einen der eventuell freien Campgrounds anfahren. Dritte Möglichkeit: Komplett wieder raus aus dem Nationalpark, bevor es dunkel wird. Bis zum Sonnenuntergang hatten wir noch etwas mehr als zwei Stunden. Wir schlenderten enttäuscht zurück zum Wohnmobil. Zwei oder drei Nächte wollten wir hier verbringen und jetzt sollte es keine sein?! Der Meilenzähler im Wohnmobil zeigte bereits 145 gefahrene Meilen an, als wir den Motor wieder anließen. Die Stimmung war nicht unbedingt so feierlich wie Weihnachten oder ausgelassen wie zu Karneval, sondern eher das komplette Gegenteil. Die Sonne hatte zwar für wesentlich mehr als die 12 Grad vom frühen Morgen gesorgt, aber im Wohnmobil herrschte gerade Eiseskälte. Natürlich konnte niemand etwas dafür und das ist eben das Los, wenn man nirgendwo reserviert. Aber trotzdem waren wir enttäuscht, weil wir uns so auf den Yosemite Nationalpark gefreut hatten. Wir hatten zwar immerhin schon einen kleinen Teil der Schönheit sehen können, aber das war uns nicht genug. Auf der Fahrt bis zur Tankstelle, bei der es 16 Meilen fast nur bergauf ging, starrten wir beide aus dem Fenster. Meine Frau wahrscheinlich ins Nichts, ich aber auf die Straße. Natürlich gab es im Valley keinen Internetempfang, so daß wir es old school angehen mußten. Google Maps hatte zwar noch unsere Position, aber eine richtige Route wurde nicht mehr angezeigt. Also Straßenkarte raus und Blick darauf werfen. Das Pulverfaß Wohnmobil stand kurz vor der Explosion, was man daran merken konnte, daß meine Frau ihr Smartphone in die Mittelkonsole warf und ich die Straßenkarte ebenfalls, nachdem wir uns nicht auf die gleiche Strecke einigen konnten. Lustigerweise hatten wir uns zwar beide für die gleiche Route entschieden, es aber so umständlich ausgedrückt, daß es so endete, wie geschildert.

Die Route, die wir uns ausgesucht hatten, war die westliche. Wir wollten also nicht auf gleichem Weg zurück, sondern auf die andere Seite des Nationalparks. Das Fernziel Lake Tahoe war zu weit entfernt, als daß wir es heute noch erreichen wollten. Als wir zwischendurch Handy-Empfang hatten, wurden 2:54 Stunden angezeigt – für 114 Meilen. Da konnte ich mir schon vorstellen, wie der Streckenverlauf war (nämlich kurvenartig bergauf und -ab). Die Ausfahrt aus dem Yosemite Nationalpark hatten wir schnell erreicht. Trotzdem hatte ich im Stanislaus Forest immer das Gefühl, daß es nur bergauf gehen würde. Wenn man nach rechts oder links aus dem Fenster schaute, konnte man die verkohlten Bäume der Waldbrände sehen. Als dann die Serpentinen anfingen und man teilweise nicht schneller als 15 mph fahren konnte, nervte es so langsam. Meine Frau mußte ihre Übelkeit unterdrücken und insgesamt lagen die Nerven wieder blank. Ich hatte langsam keinen Bock mehr, weil die Kurven einfach nicht aufhörten. Irgendwann kamen die ersten Ortschaften und uns war klar, daß wir uns so langsam einen RV Park suchen sollten. An zwei oder drei Schildern waren wir vorbeigefahren und jetzt kam keins mehr. Um es abzukürzen: Kurz vor Sonora hatten wir Empfang, suchten uns die in der Umgebung befindlichen RV Parks raus und steuerten den ersten davon an. Dort schien es aber kein Office zu geben und der Platz sah auch nicht gerade einladend aus, so daß wir weiterfuhren. Insgesamt war Sonora bis hierhin nicht gerade das, was man als schön bezeichnen würde. Vereinzelte Graffiti, vernagelte Häuser und Schrottautos am Straßenrand. Der zweite Campground war dann der, auf dem wir uns für eine Nacht häuslich niederließen (Full Hookup für $30).

Montag, 16.09.2019 (Tag 16): Sonora – South Lake Tahoe (157,3 Meilen)

Nach dem Frühstück, das wir aufgrund der Bienen, die sich sofort um den Tisch sammelten, dann doch lieber drinnen einnahmen, startete die Fahrt von Sonora nach South Lake Tahoe. Bei der gestrigen Anreise sah Sonora ganz schnuckelig aus, so daß wir noch für einen kleinen Spaziergang anhalten wollten. War ganz nett, die Hauptstraße entlang zu flanieren, aber wirkliches Interesse weckte keines der Geschäfte. Da wir unweit eines Supermarktes geparkt hatten, nutzten wir die Gunst der Stunde und deckten uns für die letzten vier Tage mit allem ein, was uns fehlte (Brot, Margarine, Schnitzel und Nudeln), bevor es dann endlich losging. Es war kurz vor High Noon und der Himmel hatte sich arg verdunkelt. Vor uns lagen 135 Meilen, für die wir laut Navi drei Stunden brauchen sollten…

Wenige Meilen waren wir gefahren, als der Himmel seine Pforten öffnete. Es regnete teilweise so stark, daß die Scheibenwischer auf höchster Stufe die Frontscheibe nicht mehr vom Wasser befreien konnten. Die Strecke war mal wieder sehr kurvig angelegt, was das Fahren anstrengend machte. Als wir Jackson erreicht hatten, steuerten wir einen McDonald’s an, weil meine Frau einen Cappuccino haben wollte. Enttäuscht kam sie ohne Getränk wieder zurück, weil die Maschine nicht funktionierte. Also ging es weiter.

So langsam erreichten wir die Berge und das Wetter hatte sich nur minimal gebessert. Es regnete immer noch, aber nicht mehr so stark. Glücklicherweise wurde das auch mit zunehmender Strecke weniger. Als wir etwas mehr als die Hälfte der gesamten Entfernung hinter uns hatten, fiel mir bei den uns entgegenkommenden Autos auf, daß sie an der Front verschneit waren. Am Anfang dachte ich noch, ich hätte mich verguckt, aber dem war nicht so. Und für uns ging es immer höher in die Berge. Der höchste ausgeschilderte Punkt, den wir heute passierten, lag auf 7942 Fuß, was 2420 Metern entspricht. Dort war tatsächlich alles verschneit. Die Straßen waren aber Gott sei Dank frei. Uns kamen Räumfahrzeuge entgegen oder fuhren vor uns, so daß es nicht so schlimm kam, wie vermutet. Irgendwann sahen wir von weitem ein gelbes Blinklicht und dachten zunächst, daß ab dort die Strecke gesperrt sei, weil es wieder stark bergauf ging. Für den Gegenverkehr hieß das jedoch, daß er bergab fahren mußte und das wurde wohl zwei Autofahrern zum Verhängnis, denn deren Fahrzeuge lagen in ihrer Fahrtrichtung rechtsseitig im Graben. Das erklärte auch das gelbe Blinklicht am Straßenrand. Personen, die eventuell in den Fahrzeugen gesessen haben könnten, haben wir keine gesehen. Hoffen wir mal, daß niemandem etwas passiert ist. Das gelbe Blinklicht gehörte übrigens zu einem Abschleppwagen und ein Ranger-Fahrzeug stand auch daneben. An manchen Stellen ging es rechts der Straße ohne Leitplanke sehr weit nach unten. Das hätte andere Folgen gehabt!

Als der Asphalt uns wieder nach unten führte, hörte auch der Regen bzw. Schnee auf und urplötzlich war alles grün und die Sonne schien. Fünf Minuten vorher fuhren wir durch verschneite Landschaften, wo kein Grün mehr zu sehen war. Und jetzt hätte es vom Anblick auch Hochsommer sein können. Als wir South Lake Tahoe erreichten, waren wir tatsächlich ganze drei Stunden unterwegs gewesen. Wir suchten im Internet nach einem geeigneten Campground und befanden den “Tahoe Valley Campground” für gut. Dort knöpfte man uns sage und schreibe $66 für einen Stellplatz mit Strom und Wasser ab. Auf Full Hookup für sechs weitere Dollar verzichteten wir. Bei meiner Frage nach wildlife riß die Dame die Augen auf, als ob das selbstverständlich wäre. Gut, das mag es hier im Ort auch sein. Wir bekamen noch ein oder zwei Ratschläge mit auf den Weg und uns wurde mitgeteilt, daß teilweise auch tagsüber Bären über den Campingplatz spazieren.

Wir verließen den Campground wieder, weil wir zunächst zur Emerald Bay fahren wollte. Die Sonne stand günstig für Fotos, was am morgigen Tag nach Verlassen des Campingplatzes auf der Fahrt des hinter der Emerald Bay liegenden Squaw Valley nicht der Fall sein würde. Diese Tour machte also trotz der doppelten Wegstrecke nur jetzt wirklich Sinn. Knapp zehn Meilen mußten wir dafür zurücklegen, die Mensch und Maschine wieder alles abverlangten. Die enge Fahrbahn wurde links von Felsen und rechts von nichts begrenzt. Serpentinenartig schlängelte sie sich den Berg empor – mehrere Haarnadelkurven inklusive. Hinter der nicht vorhandenen Begrenzung hatte man zwar einen herrlichen Blick auf den Lake Tahoe, aber eben auch nur dreißig Zentimeter Platz neben der Fahrbahn, ehe es steil bergab ging. Als wir einen geeigneten Abstellort für unser Wohnmobil gefunden hatten, schulterte ich den Kamerarucksack und wir spazierten einen kleinen Kiesweg zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man von Nordwesten auf die Bay gucken konnte. Traumhaft schön lag sie vor uns. Die Fahrt hatte sich wirklich gelohnt.

Nach Squaw Valley waren es weitere 30 Kilometer, auf die wir jedoch verzichteten. Das wäre vor der Dunkelheit nicht mehr zu schaffen und im Dunkeln diese Straße befahren war keine Option. Squaw Valley mußte warten. Es ging also zurück nach South Lake Tahoe. Da wir linksseitig der Straße geparkt hatten und die Straße zum Wenden zu schmal war, fuhren wir zum Aussichtspunkt, den wir zu Fuß aufgesucht hatten. Daß der dazu gehörige Parkplatz allerdings zu eng für RVs gebaut war, erkannten wir erst, als es zu spät war. Ich rangierte vor und zurück und vor und zurück. Beim letzten Vorfahren schrammte ich dann mit dem linken Hinterrad am Bordstein entlang, was eine gehörige Beschädigung am Reifen und an der Radkappe hinterließ, wie wir später feststellten.

Auf dem Campingplatz parkten wir das Wohnmobil ein, fuhren die Slideouts aus, schlossen Strom und Wasser an und meine Frau schnappte sich ihr Fahrrad, um über den Campingplatz zu fahren. Ich setzte mich mit einer heißen Tasse Kaffee vor den Camper und sicherte auf dem Netbook meine Bilder. Nach geraumer Zeit war meine Frau immer noch nicht zurück und ich machte mir ein klein wenig Sorgen, als sie auf einmal dann doch vorfuhr und voller Stolz eine klaffende Wunde an der linken Hand präsentierte. Was war passiert? Ihr fiel unterwegs ein Squirrel auf, das sich in einem über einen Wohnwagen gelegten Netz verfangen hatte. Mit anderen Campern zusammen wurde nun versucht, das Tier zu befreien. Ein Camper stellte eine Schere zur Verfügung, der andere Camper filmte artig alles mit dem Smartphone und meine Frau schnitt das Squirrel frei, das sich mittendrin dafür mit mehreren kräftigen Bissen in die Hand bedankte und sich sogar im Finger verbiß. Letzten Endes war das Tier aber dann doch befreit und wir versorgten erst einmal die Wunde, bevor wir zum Tatort zurückkehrten, um die gemachten Videos vom Hobby-Hitchcock übersandt zu bekommen.

Dienstag, 17.09.2019 (Tag 17): South Lake Tahoe – Truckee (64,8 Meilen)

Heute schliefen wir erstaunlicherweise etwas länger. Ich wurde um 08.29 Uhr nach exakt zehn Stunden wach, während meine Frau noch weiter schlummerte. Nachdem ich Wasser gekocht und den Frühstückstisch gedeckt hatte, schälte meine Frau sich aus dem Bett. Was war das heute Nacht kalt! -2 Grad waren es, während wir letzte Woche tagsüber noch 40 Grad hatten. Da wir um die Temperaturen während der Nacht wußten, schliefen wir mit Jogginghose und Socken und trotzdem war es mitten in der Nacht so kalt, daß wir die Heizung kurzzeitig anwerfen mußten.

Während des Frühstücks überlegten wir, wohin uns der Tag denn wohl führen könnte. Squaw Valley war der Fixpunkt und von da aus sollte es weiter nach Norden gehen. Reno im Osten und Sacramento im Westen standen zur Auswahl. Leicht favorisiert wurde Reno, so daß ich schon wieder das Internet bemühte, um Entfernungen und Wegstrecken nachzuschauen. Während dessen schwang meine Frau sich auf ihr Mountainbike und fuhr an dem Stellplatz vorbei, an dem sie gestern das Squirrel befreit hatte, um sich die Nummer zu merken und den gesamten Vorfall anschließend im Office zu melden. Dort riet man ihr, einen Arzt aufzusuchen und darüber debattierten wir, während wir den Campground verließen. Das nächste Krankenhaus befand sich unmittelbar hinter dem Campground, so daß es nur eine Fahrt von wenigen Minuten war. Und als wir das Wohnmobil direkt gegenüber des Haupteingangs abstellten, entschieden wir über unsere Route des heutigen Tages, ohne es jedoch zu wissen. Am Empfang mußten erst einmal etliche Formulare ausgefüllt werden und es folgte die übliche Prozedur (Wiegen, Blutdruck messen etc.). Wir bekamen in unserem Emergency Room nacheinander Besuch von einer Krankenschwester, die sich um die Bürokratie kümmerte, von einem Krankenpfleger, der abfragte, welche Medikamente genommen werden und schließlich von einer Ärztin, die sich die Wunde, die wir gestern ausgiebig gereinigt und verbunden hatten, ansah. Dann kam der nächste Pfleger, der die Medikation des verschriebenen Antibiotikums überwachte und letztendlich noch einmal die Krankenschwester mit den Formularen. Alle waren sehr, sehr freundlich und insgesamt haben wir uns in der Notaufnahme sehr wohl und gut behandelt gefühlt. Hier schlug die Freundlichkeit der Amerikaner voll zu, was in einer solchen Situation mit Sicherheit hilfreich sein kann. Abschließend kam, was kommen mußte: Die Rechnung. $1294.25 waren dort zu lesen. Dafür, daß eine Ärztin sich kurz die Wunde ansah und entschied, ein Antibiotikum zu verschreiben! Eintausendzweihundertvierundneunzig Dollar! Ein-tausend-zweihundert-vier-undneunzig Dollar! Bääämmmm! Da machten sich die 7 Euro für die Auslandskrankenversicherung doch bezahlt. Also riefen wir als nächstes in der Heimat bei der Notfallnummer der Versicherung an, denn das Krankenhaus wollte entweder eine amerikanische Rechnungsadresse oder Geld von uns. Es kam natürlich, was kommen mußte: Die Handyverbindung brach zusammen – gerade als alles aufgenommen und durchgegeben war, wir aber noch nicht wußten, wie es weitergeht. Keine Handyverbindung? Das kam uns irgendwie bekannt vor. Ich hatte glücklicherweise Netz, so daß wir direkt noch einmal anriefen und mindestens zwei Minuten in der Warteschleife hingen. Kostet ja nix, so ein Anruf aus Amerika nach Deutschland. Aber die paar Kröten machten den Braten jetzt auch nicht noch fetter. Ganz im Gegenteil: Die Versicherung benannte uns eine amerikanische Versicherung mitsamt Adresse, Faxnummer und allem Pipapo, so daß wir das ans Krankenhaus weiterreichen konnten. Einziges Problem an der Sache: Unsere Versicherung in Deutschland brauchte ein unterschriebenes Papier, um den Datenschutz bezüglich des Rechnungspreises aufheben zu können. Aber auch das war gar kein Problem. Das Fax ging ans Krankenhaus, wurde ausgedruckt, uns vorgelegt, unterschrieben und wieder zurückgefaxt. Damit war die Sache für uns nach etwas mehr als zwei Stunden erledigt.

Der lange Schlaf am Morgen sorgte dafür, daß es jetzt bereits knapp 13 Uhr war. Wir mußten “noch schnell” zur Pharmacy. Das Medikament mußte aber erst zusammengestellt werden, was ca. 20 Minuten benötigte. 20 Minuten, um 14 Antibiotikum-Tabletten in ein Plastikröhrchen zu füllen? Oder wurden die Tabletten bei CVS vor Ort gepreßt, nachdem wir sie bestellt hatten. Man weiß es nicht. 52 Dollar ließen wir im Laden und jetzt konnte es endlich losgehen. Zwischendrin hatte ich den Wunsch geäußert, nach Stateline zu fahren, wie der Teil von South Lake Tahoe heißt, der sich östlich des Sees auf dem Gebiet von Nevada befindet. 7 Meilen mußten wir fahren, die sich aber aufgrund von “road work” etwas zogen. Als wir in Stateline ankamen, drehten wir eine Runde mit dem Wohnmobil und fuhren wieder zurück. Rechts von uns lag der traumhaft schön anzuschauende Lake Tahoe und auf der anderen Straßenseite reihte sich ein Klotz von Casino-Hotel an den nächsten. Als wir die Grenze zwischen Nevada und Kalifornien passierten, die unmittelbar an einer Straßenkreuzung verläuft, wurden die Häuschen kleiner und anstatt Casino und Show gab’s Burger und Schwimm- bzw. Ski-Zubehör. Der Ort wurde augenscheinlich auf die nahende Wintersaison vorbereitet, denn überall wurde gearbeitet. Ich entdeckte auf der linken Seite ein Schild von “Five Guys” und bog auf den Parkplatz eines “Whole Foods” ab, der allerdings auch noch im Bau befindlich war. Auch die Geschäfte vom Parkplatz bis zum “Five Guys” waren alle noch nicht wirklich fertig. Nachdem wir zusammen einen Burger with fries verputzt hatten, fuhren wir weiter. Jetzt staute sich der Verkehr allerdings erheblich mehr als auf dem Hinweg in Gegenrichtung. Road work sei Dank!

Irgendwann hatten wir South Lake Tahoe nach Nordosten verlassen (Getankt hatten wir zwischendurch auch noch mal eben für 142 Dollar.) und fuhren Richtung Emerald Bay, wo wir ja bereits gestern Station gemacht hatten. “Road work ahead” verhieß uns das erste Schild nichts Gutes, was durch die Konkretisierung “One lane traffic” nicht besser wurde. Und so standen wir wieder etliche Minuten, ehe es weitergehen konnte und sich die Blechlawine den Berg hochächzte. Dicht an dicht knatterten die Autos und Lkws entlang des Lake Tahoe. An der Emerald Bay war wieder Phantasialand-Verkehr. Die Autos parkten bereits ein Stück weiter vorne als gestern und es waren vor allen Dingen wesentlich mehr. Die leise Hoffnung, vielleicht noch ein schönes Bild von der Bay mitzunehmen, begrub ich, während ich unseren RV die Serpentinen nach oben lenkte.

Es ging also direkt durch nach Squaw Valley. Als wir dort ankamen, war es bereits 16.30 Uhr und erstaunlicherweise war nicht nur wenig los, sondern schlossen auch fast alle Geschäfte um 17 Uhr. Wir spazierten durch das Village, das uns ein wenig an Whistler, den Ort der Olympischen Spiele von 2010, erinnerte. Sehr schön wurde hier alles aneinandergebaut und alles war logischerweise voll auf Touris ausgerichtet – nur eben nicht heute. Off-Season läßt grüßen: Sommer vorbei, Winter noch nicht da. Ich konnte mir schwerlich vorstellen, daß nur an diesem einen kleinen Ort, der hinter einem riesengroßen Parkplatz liegt, 1960 die Winterspiele stattgefunden hatten. Vorher hatte ich gelesen, daß es ein Olympic Museum geben soll, was wir aber leider nicht gefunden haben. Ich hätte sehr gerne jemanden gefragt, aber es war niemand da. Vereinzelt und in größerer Entfernung hasteten Spaziergänger vorbei, denen ich aber nicht schreiend hinterherlaufen wollte. Selbst an der Aerial Tram, zu der man gehen sollte, weil alle anderen Ticket-Counter geschlossen waren, öffneten sich zwar die Türen, aber Menschen waren keine zu sehen. Kennt eigentlich einer den Film “Truman-Show”? Ich war schon darauf gefaßt, daß wir, sollten wir uns noch weiter vom Parkplatz weg bewegen, gegen die Außenwand rennen würden. Also lieber wieder zurück zum Auto und diesen schönen, aber fast menschenleeren Ort wieder verlassen. Abends fand ich übrigens raus, daß sich das Museum auf dem Berg befindet. Man hätte also mit der Aerial Tram nach oben fahren müssen. Aber wer sich zwar voll auf Touristen ausrichtet, die Beschilderung jedoch so miserabel gestaltet, dem scheint nicht daran gelegen, daß das Museum besucht wird. Schade eigentlich! Aber selbst, wenn ich gewollt hätte, hätte ich ja nicht gekonnt, weil Squaw Valley da zu Ende war. Spaß beiseite: Die Aerial Tram fuhr nicht mehr und es war halt niemand da, der mir Tickets hätte verkaufen können.

Wir verließen Squaw Valley und mußten nun aufgrund der nahenden Dunkelheit, die uns mal wieder im Nacken saß, entscheiden, wohin die Reise gehen sollte. Reno oder Sacramento? Osten oder Westen? Nevada oder Kalifornien? Stadt oder Stadt? Es wurde letzten Endes Kalifornien – und zwar ein Campground mitten in der Natur an einem Bach. Warum? Ganz einfach: Aufgrund der noch kommenden vier Tage San Francisco wollten wir noch ein wenig Natur mitnehmen. Und ehe wir in Reno gewesen wären, wäre es mindestens 18.30 Uhr gewesen. Dann noch einen Campground suchen und anschließend einen Weg in die Stadt. Darauf hatten wir dann doch keine Lust. Und ich bin mir sicher, Reno wird uns nicht vermißt haben. Die kalifornische Hauptstadt Sacramento würden wir dann morgen in aller Ruhe in Angriff nehmen.

Der erste Campground, den wir anfuhren, war menschenleer und im Wald, was uns ein wenig zu unheimlich war. Der nächste war geschlossen, obwohl wir in der Vorbeifahrt einige wenige Camper dort sehen konnten. Die richtige Einfahrt zu diesem Campground war jedoch erst ein paar hundert Meter weiter. Um noch eben abbiegen zu können, waren wir jedoch zu schnell. Also suchten wir im Internet die RV Parks in der Nähe zusammen. Der vermeintlich schönste war, natürlich, der teuerste und sollte $65 kosten, was uns zu viel war. Gut, er bot dafür full hookup. Die nächsten Campingplätze sahen aus wie staatliche, so daß wir uns dafür entschieden. Wir fuhren ein kleines Stück über den Freeway und bogen zur Einfahrt ab. Die Beschilderung war ein wenig verwirrrend, so daß wir zunächst davon ausgingen, die Plätze seien geschlossen. Waren sie aber gar nicht, wie wir dann herausfanden, als ein Pkw auf das Gelände fuhr. Also sind wir auch dort entlanggefahren und kamen an die Bezahlstelle, die bereits geschlossen war. Ein Schild wies aus, daß nur Wohnmobile bis 24 Fuß erlaubt waren. Da waren wir länger. Also wendeten wir, fuhren über den Freeway zurück und nahmen diesmal die richtige Einfahrt des Campingplatzes direkt am Bach. Für $22 hatten wir nichts außer dem Stellplatz, aber das war uns egal. Es war schließlich die letzte Nacht außerhalb einer Stadt.

Mittwoch, 18.09.2019 (Tag 18): Truckee – Sacramento (109,4 Meilen)

Nachdem wir uns zwar gut für die Nacht gerüstet hatten (meine Frau mit Jogginghose, Sweatshirt und Socken und ich mit Jogginghose, zwei T-Shirts und Socken) war es dann morgens doch recht kalt. Ich konnte ab 03.00 Uhr nicht mehr richtig schlafen und meine Frau war seit 05.30 Uhr hellwach. Heizung einschalten ging nicht, weil wir keinen Strom hatten. Wollten wir ja auch so. Nach einem kurzen Frühstück warfen wir den Motor an, nachdem meine Frau zuvor noch alles Eßbare, was wir in den verbleibenden Tagen nicht mehr konsumieren würden, einem älteren Pärchen auf dem Campground geschenkt hatte.

Heute sollte es nach Sacramento gehen. Kurz nachdem wir den Freeway erreicht hatten, den wir erst in Sacramento verlassen mußten, meinte es das Wetter mal wieder sehr gut mit uns. Die Wolkendecke zog sich so zu, daß man irgendwann nur noch grauen Himmel und eben keine Wolken mehr sah. Ein paar Meilen später fing es wieder an zu regnen, sofern man das überhaupt noch so nennen konnte. Die Sichtweite nahm immer mehr ab und das Fahren machte überhaupt keinen Spaß. Kurz vor Sacramento klarte der Himmel auf und man merkte, daß man wieder in Großstadtnähe war. Die Autobahnen wurden teilweise siebenspurig und der Verkehr wurde mehr. Wir hatten uns für den Sherwood Harbor Marina RV Park südwestlich von Sacramento entschieden und wollten von da aus noch eine Exkursion zur Altstadt “Old Sac” machen. Für den Stellplatz bezahlten wir $40 und hatten dafür Strom und Wasser. Das reichte uns, denn der Campground verfügte über eine Dump-Station, die wir zuerst benutzten, bevor wir unseren Stellplatz anfuhren.

Jetzt war nur noch zu klären, wie der weitere Tagesablauf sein sollte. Es war noch früh und von daher hatten wir alle Optionen. Wir entschieden uns für einen erholsamen Nachmittag und wollten morgen nach dem Checkout dann nach Sacramento reinfahren.

Ausspannen hieß für mich, daß ich mich noch einmal hinlegte. Meine Frau entschied sich für eine kleine Tour mit ihrem Mountainbike und schlug damit das nächste Kapitel in unserem Abenteuerurlaub auf. Als sie 90 Minuten später zurückkam, hatte sie das Fahrrad geschultert anstatt es zu fahren. Der Grund dafür war der, daß sie nach der Hälfte des Weges über einen Stein fuhr und anschließend einen platten Vorderreifen hatte. Unfaßbar, wenn man das alles rekapituliert: Einen Platten am Wohnmobil, Qualm aus dem Fußraum aufgrund eines durchgeschmorten Kabels, Biß eines Squirrels und jetzt noch ein platter Reifen am Fahrrad.

Donnerstag, 19.09.2019 (Tag 19): Sacramento – Oakland (121,9 Meilen)

Nachdem wir gestern bereits Jonathan mit seinem Hund Tank, der neben uns auf dem Campground stand, kennengelernt hatten, vermachten wir ihm heute alles, was wir am letzten Tag nicht mehr (ver)brauchen würden. Wir hatten lediglich etwas mehr als fünf Meilen zu fahren, bis wir in der Altstadt von Sacramento ankamen. Und heute sollten wir noch ein weiteres Kapitel unseres Urlaubs aufschlagen, das uns einiges an Nerven kosten sollte. Aber der Reihe nach…

Das erste Problem des Tages tauchte bereits auf, als wir unser Wohnmobil auf dem dafür ausgewiesenen Parkplatz neben dem Railroad Museum in Sacramento abstellten. Der Kassenautomat schien nicht zu funktionieren, so daß wir kein Parkticket ziehen konnten. Wir fragten jemanden, der neben uns stand, und dieser Mann (ein Reporter, wie er sagte und man der Aufschrift seines Wagens entnehmen konnte) empfahl uns die App, die ich postwendend runterlud. Dumm nur, daß man dort nur ein Tagesticket buchen konnte. Da standen wir nun wie die Ölgötzen und wußten nicht weiter. Sollten wir auf Lücke setzen? Nein, wollten wir nicht. Also kaufte ich für läppische 20 Dollar ein Tagesticket. Scheiß drauf!

Anschließend machten wir uns zu Fuß auf durch Old Sac, wie die Altstadt von Sacramento auch offiziell genannt wird. Zu Hause hatte ich noch davon gelesen, wie schön die Häuser restauriert und wieder aufgebaut wurden, aber daß es wirklich so schön war, hätte ich nicht gedacht. Old Sac mit seinen vielen kleinen Geschäften hat uns wirklich ganz toll gefallen. Von dort aus gingen wir Richtung State Capitol, wo Arnold Schwarzenegger als Governor of California wirkte. Ein wirklich imposanter und schön anzuschauender Bau stand da vor uns, als wir ankamen. Aber ich habe dieses Jahr mit vielem, was ich fotografieren möchte, Pech, daß ein Baugerüst oder ähnliches davor steht. Und genauso war es hier auch. Trotzdem ne schöne Gegend rund um das Capitol. Auf dem Rückweg machten wir noch einen Halt bei Macy*s, weil ich nach dem Fußballtrikot der amerikanischen Nationalmannschaft gucken wollte – war leider nicht vorrätig und so gingen wir zurück zum Wohnmobil. Dabei schauten wir in den Eingangsbereich des Railroad Museums, aber $12 Eintritt pro Person war es uns dann doch nicht wert.

Wir verließen Sacramento und wollten unweit der Wohnmobil-Rückgabestation bei einem RV Park übernachten. Selbstverständlich hatten wir nicht reserviert und uns ging es nur um’s Übernachten in der Nähe von Apollo RV. Als wir den Campground nach knapp zwei Stunden erreicht hatten, während der wir bereits einen kurzen Blick auf die Skyline von San Francisco und die Golden Gate Bridge werfen konnten, wurde uns beim Ausstiegen von einer am Eingang des Office sitzenden Frau direkt mitgeteilt, daß sie keinen Stellplatz für eine Nacht habe. Auf die Frage, ob sie denn einen anderen Stellplatz in der Nähe wüßte, bekam ich die Antwort “I’m not the manager of all rv parks!”. “Thank you very much, bitch, that you’re so kind and friendly!” ist man da geneigt zu sagen. Also fuhren wir erstmal wieder auf die Straße zurück und parkten ein Stück weiter am Straßenrand. Die Gegend sah nicht unbedingt freundlich aus, so daß wir erstmal das Auto verriegelten und dann die Handys zückten, um nach Campgrounds zu suchen. Und in den folgenden Minuten wurden unsere Nerven erst freigelegt und dann zum Zerreißen gespannt. Wir fanden einen halbwegs annehmlichen Campground, riefen dort an und es wurde uns mitgeteilt, daß nichts mehr frei sei. Die Suche nach “RV Parks” spuckte erstaunlicher- und dummerweise nicht nur RV Parks, sondern auch öffentliche Parks, Spielplätze, und und und aus. So kam es sogar, daß ich bei einer Nummer anrief und man mir sagte, daß es sich um eine Seniorenresidenz handele. Macht ja nix! Wenn Ihr einen Stellplatz für uns habt, sind wir dabei! Eine Nummer gehörte zum “Anthony Chabot Campground”. Hier lautete die Antwort “In Anthony Chabot is nothing free for RV”. Und wieder machten wir blöde Gesichter und waren so langsam mit unserem Latein am Ende. Hatte meine Frau überhaupt Latein in der Schule? Egal! Nächste Rettung: Apollo RV. Vielleicht könnte man uns dort einen guten Tip geben. Gesagt, getan. Die freundliche Dame am Counter sagte uns, daß wir auf der Straße vor dem Gelände parken könnten oder bei einem zwei Meilen entfernten Walmart. Da Apollo um 16 Uhr die Pforten schloß und wir 15.40 Uhr hatten, verwarfen wir die Möglichkeit, in dem ab morgen reservierten Hotel anzurufen und zu fragen, ob wir einen Tag früher kommen könnten, denn in 20 Minuten den Camper leerräumen, tanken und das Telefonat führen, war nicht möglich.

Walmart war das erste Ziel. Wir fuhren ca. zwei Meilen nördlich und fanden auf dem gesamten Parkplatz des Walmart und der angrenzenden Geschäfte nicht einen einzigen freien Parkplatz. Das Internet wies uns den Weg zum nächsten Walmart, für den wir knapp sechs Meilen nach Süden fahren mußten. Während meine Frau den dortigen Restroom aufsuchte, fragte ich einen der Einkaufskontrolleure, die am Eingang standen, wie es mit der Möglichkeit aussähe, auf dem Walmart-Parkplatz zu übernachten. Das würden sie bei sich auf dem Parkplatz generell nicht erlauben, weil die Gegend nicht gerade sicher sei und es dort viele Autoaufbrüche gäbe. Die Frage, wo es denn sicherer sei, konnte (oder wollte) er mir nicht beantworten oder wie sollte ich sein “I don’t know” deuten? Und wieder saßen wir im Wohnmobil und guter Rat war teuer. In der Nähe des Seniorenheimes, wo ich vorher angerufen hatte, gab es auch einen Walmart. Beides lag im Landesinneren und wir hofften dort auf eine niedrigere Kriminalitätsrate. Und während ich die Adresse dieses Walmarts ins Handy eingab, handelte sich meine Frau am Telefon die nächste Campground-Absage ein. Der Motor lief, das Gaspedal war runtergedrückt und wenige hundert Meter später mußte der Fuß vom Gas auf die Bremse wechseln, denn wir standen im Stau bzw. zähfließenden Verkehr. Meine Frau suchte immer noch im Internet nach irgendwelchen Campingplätzen in der Nähe. Dabei lagen alle Plätze mit guten bis sehr guten Bewertungen in einem großen Grüngelände östlich von San Leandro. Dieses Grüngelände trug den Namen “Anthony Chabot Regional Park”. So! Diverse Campgrounds gab es dort. Ich wiederholte, was die Frau vorhin am Telefon gesagt hatte: “In Anthony Chabot is nothing free for RV”. Meinte sie damit explizit den “Anthony Chabot Campground” oder alle in diesem Park befindlichen? Und während wir nachdachten, hatten wir den Freeway schon verlassen und befanden uns auf der Anfahrt dorthin.

Knapp zehn Minuten später verließen wir bebautes Gebiet und fuhren ins Grüne. Das hieß, wir waren wohl im Park angekommen. Die Straßen wurden wieder kurviger und es ging bergauf. Weitere zehn Minuten danach standen wir an der Einfahrt zum bereits erwähnten “Anthony Chabot Campground”. In wenigen Metern würde sich unser Schicksal der Nacht entscheiden… Wir wurden langsamer und ich bremste immer mehr ab, bis wir neben dem Kassenhäuschen zum Stilstand kamen. Beide blickten wir zeitgleich nach links und sahen – wohl auch zeitgleich – ein Schild mit der Aufschrift “Closed”. Dabei war noch vermerkt, daß derjenige, der es aufgehängt hatte, in Kürze wieder zurück sei. Wir ließen die Blicke wandern, in der Hoffnung, etwas zu erkennen, was uns weiterhelfen könnte. Da! Hinter dem Kassenhäuschen erschien ein menschliches Wesen. Wenn es jetzt noch dem Campground angehören würde, wüßten wir in wenigen Sekunden mehr. “Excuse me, Sir” entfuhr es meinem Mund, woraufhin der Mann, der gerade das Kassenhäuschen aufschloß, zu uns blickte. “Do you know, if there is a site for one night with our RV free?” Er setzte ein breites Grinsen auf: “Sure!” Was hatte er gerade gesagt? Sure? Wirklich? Wir mußten beide augenblicklich anfangen zu weinen – also meine Frau und ich, nicht der Mann und ich. Imaginär natürlich. Als ob wir in Tränen ausbrechen würden, nur weil wir nach fast zwei Stunden und etlichen Meilen auf dem Tacho einen Stellplatz gefunden hatten! Wir sind beides Stadtkinder und hätten uns schon durchgeschlagen. Notfalls hätte immer nur einer schlafen können und der andere Wache halten müssen. Also was soll der Zinnober? Aber mal ernsthaft: Wir mußten tatsächlich erst einmal kurz innehalten, weil wir eine positive Antwort erhalten hatten. 40 Dollar später waren wir im Besitz eines Full-Hookup-Stellplatzes für eine Nacht. Wenn jetzt noch jemand käme, der unsere Taschen packen und den Camper volltanken würde, wäre unser Glück perfekt. Aber so waren wir auch schon nahe dran.

Und der Stellplatz war wirklich traumhaft: Mitten im Wald auf einer Lichtung. Natürlich sind wir erstmal an der Einfahrt vorbeigefahren und mußten umständlich wenden, aber das regelten die Glückshormone ganz alleine. Nach einem kurzen Waldspaziergang gab es das letzte Camper-Abendessen und die ganze Aufregung verflog so langsam.

Freitag, 20.09.2019 (Tag 20): Oakland – San Francisco (12,6 Meilen)

Sicherheitshalber stellten wir uns den Wecker auf 07.30 Uhr, damit wir genügend Zeit hatten, klar Schiff zu machen und zu Apollo nach San Leandro zu fahren. Zunächst packten wir unsere Taschen und entsorgten alles, was Müll war oder nicht mehr gegessen wurde. Zeit für ein Frühstück war natürlich auch noch. Dann hieß es für uns, uns von der Natur zu verabschieden und uns ein letztes Mal in den Camper zu setzen. Kurz vor der Abfahrt hielten wir einen Ranger an, der auf Patrouille war und fragten ihn, ob er Verwendung für das Mountainbike hätte. Er sagte, wir sollten das Fahrrad einfach stehen lassen und er würde es später abholen und wohltätigen Zwecken stiften.

Bis zur Abgabe des Wohnmobils mußten wir nur noch tanken, weil wir die letzte Nacht Full Hookup hatten und somit beide Abwassertanks leer waren. Frischwasser hatten wir so viel nachgefüllt, daß es überlief. Da konnte also nichts schiefgehen. Das Navi führte uns durch die Stadt und nicht über die mit Sicherheit verstopfte Autobahn. Wir hielten bei einer Tankstelle an und hauten nochmal 107 Dollar raus, um das Wohnmobil vollzutanken. Bei der Einfahrt auf das Gelände von Apollo setzten wir mit dem Heck auf, was gestern auch passierte. Der Mitarbeiter stand direkt daneben und sagte dazu nichts, sondern wies uns einen Platz zu, wo wir parken sollten. Aufgrund der Vertiefung an der Einfahrt scheint es wohl normal zu sein, daß dort jeder aufsetzt.

Sofort kam eine Mitarbeiterin von Apollo auf uns zu und die Abnahme des Wohnmobils begann. Wir teilten ihr mit, daß es rechts zwei neue Reifen gab, das Kabel für die Rückfahrkamera durchgeschmort war und wir einen unerklärlichen Schaden hinter der Tür entdeckt hätten und nicht wüßten, woher der komme. Sie überprüfte das auf dem Übergabezettel aus Los Angeles und stellte fest, daß es sich um einen Altschaden handelte. Ansonsten entdeckte sie keine Beschädigungen, so daß wir nach Unterschrift aus sämtlichen Verpflichtungen entlassen wurden. Wir baten im Office um die Bestellung eines Taxis und sollten ca. zehn Minuten warten.

Nach einer knappen Viertelstunde fuhr ein Taxi vor, das neue Kundschaft brachte. Ich sprach den Fahrer an, ob er vielleicht derjenige sei, der uns auch fahren würde. Das war er zwar nicht, aber er sagte, es sei kein Problem, daß ein anderes Taxi bestellt sei. Ob wir das glauben sollten? Schließlich waren wir in San Leandro, einem Vorort von San Francisco und auf seinem Taxi stand deutlich lesbar “San Francisco”. Und mit Sicherheit operierten verschiedene Taxiunternehmen in den beiden verschiedenen Städten. Uns war’s egal, denn wir wollten ja ins Hotel. Also verluden wir unser Hab und Gut und schon konnte es losgehen. Fast eine Stunde waren wir unterwegs und zahlten letzten Endes 86 Dollar inkl. der Maut für eine Brückenüberquerung. Wir gaben ihm 100 Dollar und dafür lud er uns noch die Taschen aus. Unser Zimmer konnten wir knappe zehn Minuten später beziehen. Leider gab es viel zu wenig Aufbewahrungsmöglichkeiten für unser Klamotten, so daß ich entschied, weiter aus der Tasche zu leben, wie wir das die ersten Tage in LA schon gemacht haben.

Kurz sortiert, Sonnencreme aufgetragen, Baseballkappe raus, Sonnenbrille aufgesetzt, Kamerarucksack auf den Rücken und schon marschierten wir los. Wir hatten eine kurze Tour entlang der Promenade vor, die uns vom Hyde Street Pier zum berühmten Pier 39 führen sollte. Und genauso kam es auch. Ich hatte eigentlich permanent die Kamera im Anschlag, weil es immer etwas zu sehen gab. Wir kehrten bei “Jack in the Box” ein und aßen sehr leckere Burger, bevor wir den zweiten Besuch bei Madame Tussauds während unseres diesjährigen Urlaubs hatten. Hier in San Francisco schien mir das Wachsfigurenkabinett ein wenig kleiner als in Los Angeles, aber es war genauso voll bzw. leer, so daß man entspannt fotografieren konnte. Irgendwann erreichten wir Pier 39, bestaunten die Seelöwen und durchquerten dann den Jahrmarkt, der sich Pier 39 nennt. Für mich hatte das wieder ein Stück von Las Vegas. Es roch überall nach Essen und Süßigkeiten und alles ist voll auf Touristen fokussiert. Schön gemacht ist es schon, aber eben auch massenhaft überlaufen.

Auf dem Rückweg zum Hotel quälten wir uns noch die Lombard Street hoch und guckten uns das Spektakel rund um die kurvenreichste Straße der Welt an. Ich hatte das Gefühl, alle Beifahrer in den Autos, die die Straße befuhren, machten ein Video von der Fahrt. Das wiederum läßt die Vermutung zu, daß niemand die Straße entlangfährt, weil er sie entlangfahren muß. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war alles voll von Touristen, die es teilweise auch gar nicht interessierte, wenn jemand dort abbiegen wollte; Selfies und Fotos vor der Lombard Street sind ja wichtiger!

Samstag, 21.09.2019 (Tag 21): San Francisco

Der Wecker klingelte um 08.30 Uhr, weil wir um spätestens 09.45 Uhr aufbrechen wollten zu Pier 33, von wo aus die Fähren nach Alcatraz ablegen, denn wir hatten bereits zu Hause für heute 11.00 Uhr ein Ticket erworben. Außerdem sollte heute das nächste kuriose Kapitel in unserem Urlaubsbuch geschrieben werden.

Vom Hotel aus war zunächst ein Fußmarsch von einer Viertelstunde zu bewältigen. Nachdem wir unsere Voucher gegen Tickets getauscht hatten, blieb noch ein wenig Zeit, so daß wir das Geschehen um uns herum auf uns wirken ließen. Das Boarding begann vierzig Minuten vor dem Ablegen und wir konnten noch zwei Sitzplätze auf dem überdachten Oberdeck ergattern. Die Fähre füllte sich immer mehr und gleich neben mir nahmen fünf junge Mädels Platz, dem Hören nach wohl Engländerinnen. Die Überfahrt dauerte knapp 15 Minuten und als wir kurz vor Alcatraz waren und der Kapitän sich daran machte, das Schiff am Dock in eine gute Position zu bringen, standen so langsam alle Passagiere auf. Ich stand längst an der Reling, weil die Position einige gute Fotos ermöglichte. Als ich zu meiner Frau zurückkehrte, hörte ich nur, wie eines der Mädels zu demjenigen, das die ganze Zeit neben mir saß, sagte “Lay down on the floor”, was ich zunächst gar nicht so wahrnahm. Erst als die junge Dame die Augen verdrehte und wie ein angeknockter Boxer taumelte, bevor sie tatsächlich zu Boden fiel und dabei mit dem Hinterkopf aufschlug, wurde uns der Ernst der Lage bewußt. Zwar waren ihre Freundinnen bemüht, die Beine anzuheben und ihr gut zuzureden, aber das bekam sie gar nicht mit, weil sie komplett weggetreten war. Meine Frau kniete sich direkt zu ihr und begann, Erste Hilfe zu leisten, während ich zum Kapitän rannte und ihn informierte. Er entschied daraufhin, den Vorgang des Anlegens umgehend abzubrechen und zurück nach San Francisco zu fahren, weil es auf Alcatraz keinerlei medizinische Versorgung gibt. Zwischendurch fragte er, ob ein Arzt oder eine Krankenschwester an Bord sei. Kurz darauf erschien jemand, der sich als Firefighter outete und helfen wollte. Meine Frau war immer noch mit ihrer Ersten Hilfe beschäftigt und eine der Freundinnen tat das, was man in einer solchen Situation unbedingt machen muß: Sie entfernte ihrer ohnmächtig am Boden liegenden Freundin eine unechte Wimper von der Wange und schloß ihren durch den Sturz geöffneten Ohrring, was offensichtlich Schlimmeres verhindert hat. Die Erste Hilfe meiner Frau zeigte Wirkung, denn das junge Fräulein öffnete ihre Augen und kam wieder zu sich. Aber wahrscheinlich war das nur Zufall und das Schließen des Ohrrings holte sie zurück.

Als wir wieder an Pier 33 anlegten, standen die Rettungssanitäter schon bereit. Die junge Dame saß wieder aufrecht auf der Bank. Als sie mitsamt ihren Freundinnen das Schiff verlassen hatte, nahmen wir den zweiten Anlauf, um heute noch nach Alcatraz zu kommen. Wir können also behaupten, an einem Tag gleich zweimal nach Alcatraz gefahren zu sein. Kann auch nicht jeder!

Auf der Insel konnten wir uns frei bewegen, was die Bewohner logischerweise damals nicht konnten. Ganz so frei war das aber dann doch nicht, denn wir machten das, was alle taten: Wir nahmen den kostenlosen Audioguide mit, der einen sehr eindrucksvoll durch den Gefängnistrakt führt. Dabei haben wir eine ganze Menge erfahren dürfen. Knapp zwei Stunden dauerte der Rundgang, bevor wir uns wieder bei der Fähre anstellten, die uns ans Festland brachte.

Dort angekommen spazierten wir noch einmal zu Fisherman’s Wharf, jenem künstlichen Freizeitpark für Touristen. Und wieder fiel uns auf, wie laut es dort an der Promenade doch ist. Menschenmassen schoben sich vorwärts an Ticketcountern, Gauklern und Freßbuden vorbei. Der Geruch war schon sehr verlockend, aber wir entschieden uns für einen weiteren Besuch bei “Jack in the Box”, weil wir damit insgesamt mit Sicherheit preiswerter davonkämen. Anschließend mußte ich mir dringend eine neue Speicherkarte zulegen und da wir gestern an einem Laden vorbeigekommen waren, der Fotoartikel verkaufte, gingen wir noch einmal dorthin. Der asiatischstämmige Besitzer (oder Angestellte) sprach auf deutsch mit uns. Auf Nachfragen erklärte er das, was viele Amerikaner von sich behaupten können. Er war als GI in Deutschland stationiert.

Während des Essens hatten wir bereits Pläne für den kommenden Tag geschmiedet und uns dafür entschieden, bei dem Fahrradverleih direkt gegenüber unseres Hotels zwei Fahrräder zu mieten, um damit zur Golden Gate Bridge zu fahren. Ich fand heraus, daß dort auch E-Scooter verliehen wurden, was ich bevorzugt hätte. Als wir im Geschäft ankamen, wurden wir freundlich empfangen und mir wurde zunächst vom E-Scooter abgeraten, weil die Entfernung nicht unbedingt dafür ausreichte, was wir vorhatten. Nach einer ausführlichen Beratung inkl. des Einzeichnens unserer groben Wegstrecke in einem Stadtplan durch den Mitarbeiter (garniert mit einigen Insider-Infos) fragte ich, ob er einen Laden wüßte, wo ich ein Trikot der amerikanischen Fußballnationalmannschaft kaufen könne. Er verstand nicht, was ich von ihm wollte, denn ihm war das Team, von dem ich sprach, gänzlich unbekannt. Trotzdem suchte er für mich im Internet, fand auch ein Trikot bei dem Partner-Shop des Fahrradverleihs, aber das war nicht das, was ich haben wollte. Ich bedankte mich vielmals und wir verließen den Laden wieder.

Zum Tagesabschluß mußte noch ein Supermarkt-Besuch her. Wir kehrten bei “Trader Joe’s” ein und wurden nicht recht fündig. Das, was wir fanden, war uns viel zu teuer, so daß wir alles wieder ins Regal zurücklegten, was wir bereits im Einkaufskorb hatten, die Straßenseite wechselten und zu “Safeway” gingen. Dort war es aber auch nicht wesentlich billiger. Aber was sollten wir machen?!

Sonntag, 22.09.2019 (Tag 22): San Francisco

Um 08.30 Uhr holten wir die Fahrräder ab, fuhren einmal über die Kreuzung zu unserem Hotel und packten dort die Sachen, von denen wir dachten, daß wir sie gebrauchen könnten. Dazu gehörte zum einen meine Kameraausrüstung, zwei Flaschen Wasser, für jeden zwei belegte Bagel für den kleinen Hunger zwischendurch und eine Straßenkarte. Und dann konnte es auch schon losgehen.

Der erste Halt war im “Sports Basement”, dem Partnershop des Fahrradverleihs, eingeplant. Wir radelten von unserem Hotel drei Blocks nach Süden und waren schon an der Bay angekommen. Von dort aus ging es eigentlich immer nur geradeaus nach Westen. Im Sportgeschäft konnten wir den Voucher im Wert der gemieteten Fahrräder eintauschen. Da ich auf den 3,35 Kilometern gefroren habe wie ein Schneider war definitiv ein Pullover fällig. Aber mein erster Blick galt dem Trikot der amerikanischen Fußballnationalmannschaft, das natürlich nicht vorrätig war (bzw. nicht in meiner Größe, denn in Kinder-S hätte ich es haben können). Also schaute ich nach dem T-Shirt als Ersatz, welches exakt ein einziges Mal in der Größe XL am Kleiderständer baumelte. Da wir in den letzten Wochen schon diverse Erfahrungen gemacht hatten (manchmal war XXL genau passend, manchmal L, manchmal war XL viel zu groß, manchmal zu klein), probierte ich das T-Shirt sicherheitshalber an und es paßte. Wunderbar! Meine Frau hatte in der Zwischenzeit Laufschuhe von adidas für 40 Dollar gefunden, ich probierte Turnschuhe von New Balance für 85 Dollar an und abschließend wanderte dazu noch ein Pullover von North Face in unseren Einkaufskorb. Und für all diese Dinge bezahlten wir lediglich 61 Dollar inkl. Tax. Und es kommt noch besser: Die Schuhe und das T-Shirt ließen wir uns kostenlos zum Fahrradladen liefern. Was für ein Service!

Ach ja: Ganz ohne Probleme geht’s ja nicht in diesem Urlaub. Die Hinterradbremse meines Fahrrades funktioniert nicht, wie ich festgestellt hatte. Also wurde das Fahrrad vor Ort getauscht und es konnte weitergehen. Die nächsten Punkte konnten wir uns eigentlich alle sparen, denn die gesamte Bay und somit auch die Golden Gate Bridge lagen komplett im Nebel. Und wenn ich “komplett” sage… Ich hätte tatsächlich heulen können vor Wut. Die letzten beiden Tage war schönstes Sommerwetter und wir konnten die Brücke immer komplett sehen. Und heute, wo ich Fotos machen wollte, war sie nicht zu sehen – vielleicht zu erahnen. Also ließen wir die ganzen Fotospots tatsächlich aus und fuhren durch Presidio nach Süden, bis wir nach einigen Kilometern den Golden Gate Park erreichten, der sogar größer ist als der Central Park in New York. Wir fuhren nach Osten, also Richtung Stadtzentrum, und ließen uns dabei von allem berieseln, was sich links und rechts von uns abspielte. Und hier war auf jeder Wiese was los. Ich habe irgendwann aufgehört, die wegen der Kinderfeste aufgestellten Hüpfburgen zu zählen. An einem See ließen Liebhaber ihre nachgebauten Miniatur-Boote zu Wasser, auf einer asphaltierten Fläche trafen sich die Rollerskater, an einer Brücke wurde ein kostenloser Tanzkurz angeboten, an dem geschätzte 50 Personen teilnahmen. Und fast überall waren Jogger, Fahrradfahrer, Spaziergänger mit und ohne Hund unterwegs. Hier machten wir auch unsere Bagel-Frühstückspause, bevor wir den Park verließen und zum Alamo Square fuhren, wo ich die “Painted Ladies” fotografieren wollte. Die viktorianischen Häuser mit der Skyline von San Francisco dahinter waren wirklich schön anzuschauen. Zum Fotografieren war der Park aber dann doch ein wenig ungeeignet, auch wenn er sich vor den Häusern erhebt, denn auch hier war alles voller Menschen.

Der Union Square bzw. die Market Street und das angrenzende Chinatown waren unser nächstes Ziel. Ich war ja immer noch auf der Suche nach einem Sportgeschäft. Abercrombie & Fitch gab es, Uniqlo auch, diverse Edelmarken ebenfalls, aber ich habe kein einziges Sportgeschäft entdeckt, bis wir in die Grant Street nach Norden abbogen, um das Einfahrttor nach Chinatown abzulichten. Relativ klein war es und als wir es durchfuhren, befanden wir uns da, wo fernöstliche Klänge aus fast jedem Ladenlokal drangen. Insgesamt wirkte es aber durchaus sehr aufgeräumt und wieder schauten wir links und rechts und erfreuten uns an den teilweise alten Bauten.

Als wir unsere Runde das erste Mal beendet hatten und wieder an unserem Hotel ankamen, hatte sich das Wetter aufgeklart und die Sonne schien. Die Bergwertung hatte bis hierhin klar meine Frau für sich entschieden und ich überquerte die imaginäre Ziellinie mit wenigen Sekunden Rückstand. Also fuhren wir exakt den gleichen Weg, den wir heute morgen auf den Nebel zufuhren, noch einmal. Natürlich nicht, weil ich meine Zeit verbessern wollte, sondern um Fotos zu machen. Und siehe da: Man konnte die Golden Gate Bridge sehen. Erster Halt war Torpedo Wharf, zweiter Halt der Aussichtspunkt auf die Golden Gate Bridge und als wir weiterfuhren, befanden wir uns irgendwann am “point of no return”, d. h. jetzt ging es nur noch auf die Brücke oder zurück. Also fuhren wir auch rüber. Mann, was war das windig! Drüben angekommen orientierten wir uns kurz, denn ich wollte zu Battery Spencer. Steil ging es bergauf und als wir oben unsere Fahrräder anschlossen, um uns zum Aussichtspunkt zu begeben, war es wieder extrem windig. Ein wenig wurden wir durch den dort liegenden Sand gesandstrahlt. Als die Bilder im Kasten waren und wir den sensationellen Ausblick auf die Golden Gate Bridge mit San Francisco dahinter und Alcatraz am linken Bildrand genossen hatten, gingen wir zu unseren Fahrrädern zurück, fuhren wieder den Berg runter, über die Golden Gate Bridge und dann zum Overlook, wo ich auch noch ein paar Fotos machte. Der letzte Halt sollte Baker Beach werden. Dabei ging es teilweise sehr steil bergab, so daß wir rollen lassen konnten. Schon ein komisches Gefühl mit fast 45 km/h eine kurvige Straße nach unten zu brettern. Aber ich hatte ja funktionierende Bremsen!

Am Baker Beach fotografierte ich ebenfalls ausgiebig. Danach war es an der Zeit, die Heimfahrt anzutreten. Den zuvor gefahrenen Berg wollten wir nicht nach oben radeln, so daß wir uns erstmal grob wieder nach Süden, also Richtung Golden Gate Park, orientierten. Als wir Presidio verlassen hatten, bogen wir links ab und fuhren stadteinwärts. Ab und zu ging es mal einen kleinen Straßenabschnitt minimal nach oben und anschließend wieder nach unten. Wir bogen alle paar Blocks nach links und anschließend wieder nach rechts ab. Als wir nach Norden fuhren, bogen wir beispielsweise in die Filbert Street ab, die sich zwei Blocks südlich der berühmten Lombard Street befindet, die wir uns ja schon angeschaut hatten. Das Besondere an der Filbert Street ist der Umstand, daß sie nicht entschärft ist und deshalb oft in Hollywood-Blockbustern genutzt wird, wenn die Autos bei Verfolgungsjagden abheben. Das mußte ich sehen! Und als wir an besagter Stelle ankamen, mußte ich tatsächlich zweimal hingucken. So eine steile Straße hatte ich wirklich noch nie gesehen. Da mußte ich mit dem Fahrrad runter!

Nur noch wenige Blocks waren es, bis wir um 19.30 Uhr unsere Fahrräder beim Bike Rental wieder abgaben. 52,6 km hatten wir auf dem Tacho, was sich noch bemerkbar machen sollte. Zunächst gingen wir jedoch ins Hotel, duschten heiß und dann liefen wir wieder an die Promenade zur Nahrungsaufnahme. Unterwegs schauten wir bei jedem Lokal nach den Preisen und mußten mehrfach schlucken. 16 Dollar für eine Pizza Margharita? Auf gar keinen Fall! Und so landeten wir am Ende das dritte Mal bei “Jack in the Box” und gingen anschließend wieder ins Hotel zurück. Und als ich mich gerade bequem auf’s Bett setzen wollte, bekam ich einen Oberschenkelkrampf. Herrlich!

Montag, 23.09.2019 (Tag 23): San Francisco

Bislang hatten wir uns noch gar nicht um die Cable Cars gekümmert. Warum das so war, war einfach zu erklären: Sie fuhren bislang aufgrund von Wartungsarbeiten nicht. Heute sollte der Betrieb allerdings wieder starten. Ich rechnete ja aufgrund unseres Pechs in diesem Urlaub schon damit, daß sich das um einen Tag verschob – tat es aber nicht. Und so konnten wir von einer nicht weit vom Hotel entfernten Endhaltestelle für 7 Dollar pro Person bis zur anderen Endhaltestelle hinter dem Union Square fahren. Das war schon ein Erlebnis. hat richtig Spaß gemacht und ist eine Empfehlung für jeden Besucher von San Francisco, wobei ich ja glaube, daß die Dinger nur noch wegen der Touristen betrieben werden.

Als wir kurz vor der Endhaltestelle waren, entschieden wir uns dazu, zu Fuß durch Chinatown zu spazieren. Vorher gingen wir noch zu Macy*s, die aber das von mir gesuchte Fußballtrikot nicht hatten. Jetzt mußten härtere Geschütze aufgefahren werden: Wir marschierten in den Nike-Store San Francisco ein. Und welch Wunder: Auch dort gab es das Trikot nicht. Im Nike-Store!!! Aber die Erfahrung hatte ich ja bereits im Januar in New York gemacht.

Wir verließen das Geschäft wieder und bummelten Richtung Dragon’s Gate, wo wir Chinatown betraten. Heute ließen wir alles ein wenig ausgiebiger auf uns wirken als gestern bei der Fahrradtour. Irgendwann überkam uns der Hunger und wir kehrten landestypisch beim Chinesen ein. Richtig satt wurden wir aber irgendwie davon nicht, denn die Ente bestand mehr aus Knochen als aus Fleisch und das Rindfleisch war extrem scharf. 50 Dollar bezahlten wir dafür, aber es war ja Urlaub!

Zu Fuß ging es dann tatsächlich zurück bis Fisherman’s Wharf, wo wir noch einmal den Seelöwen zuschauten und über das Pier 39 bummelten. Als wir kurz vor dem Ende von Pier 39 waren, orderten wir uns zwei Eis für sage und schreibe $15.50! Mein Vanille-Eis schmeckte nach nichts außer Milch, dafür war das Schoko-Eis sehr schokoladig. $15.50! Aber es war ja Urlaub! Wir setzten uns an der Bay in die Sonne und irgendwann war das Eis weg. Zurück ging es wieder an allen Geschäften vorbei, die irgendwie auch alle das Gleiche anbieten. Im Hotel angekommen packten wir unsere sieben Sachen zusammen und damit war der Urlaub de facto beendet.

Kommen wir zum Fazit der 24 Tage. Als ich meine Frau fragte, wie sie den Urlaub fand, kam als Antwort “Gut”. Okay, könnte aber ein wenig ausführlicher sein. Ich fragte also nochmal nach und diesmal sagte sie mit einem Augenzwinkern “Ich habe alles gesagt.” Als sie die Wochen noch einmal Revue passieren ließ, fiel es ihr schwer, die gesamten Eindrücke in Worte zu fassen. Was ihr leicht fiel, war den Urlaub als sehr teuer zu deklarieren.

Ich habe mir in den letzten Tagen und Wochen tatsächlich häufiger die Frage gestellt, ob ich mit der Erfüllung meines Jugendtraums zufrieden war und ob es so war, wie ich es mir vorgestellt oder erhofft hatte. Seit Olympia 1984 wollte ich dahin, wo die Fernsehbilder seinerzeit ein entspanntes und sorgenfreies Leben zeigten. Toll fand ich tatsächlich, am Los Angeles Memorial Coliseum zu stehen, aber insgesamt glaube ich, habe ich heute logischerweise alles mit anderen Augen gesehen als 1984. Trotzdem war es in der Tat ein Erlebnis und meine Frau hat recht mit den ganzen Eindrücken, die man so schnell gar nicht verarbeiten kann. Bei meinem ersten Besuch in New York war es genauso. Und diesmal waren wir ja jeden Tag an einem anderen Ort. Wir haben es nicht geschafft, an einem Ort zwei Übernachtungen zu verbringen, was mich doch ein wenig wunderte, denn der Plan sah das eigentlich vor. Und wenn man fast jeden Tag noch etwas Schönes sieht, bevor man das Schöne des vorherigen Tages verarbeitet hat, staut sich das irgendwann auf.

Abschließend möchte ich als kleines “Spiel” mir und meiner Frau fünf Fragen stellen, wobei meine Antworten zuerst geschrieben stehen:

Was war das Schönste oder Eindrucksvollste, was Du auf der gesamten Reise gesehen bzw. erlebt hast? Yosemite Valley / die Stille im Valley of Fire, so daß man das Flügelschlagen der Fledermäuse hören konnte
Die Top 3 der Orte? Yosemite Valley, Zion Nationalpark, San Francisco / Ich kann kein Ranking abgeben, weil alles auf seine Art schön war.
Was hätte man weglassen können? The View Campground im Monument Valley / Los Angeles
Wo würdest Du auf jeden Fall gerne nochmal hin? Yosemite Valley / Valley of Fire
Was hat Dir überhaupt nicht gefallen? Daß die Amerikaner Geld nehmen, wo sie nur können. / Los Angeles

Jetzt ist aber immer noch nicht geklärt, ob es wirklich meinen Erwartungen entsprochen hat. Los Angeles war eine einzige Enttäuschung und hat uns beiden überhaupt nicht gefallen. Vegas muß man auch nicht unbedingt nochmal sehen. Und ich persönlich würde auch nicht noch einmal nach San Francisco wollen, höchstens zum Fotografieren während der blauen Stunde, was ich in diesem Urlaub nicht geschafft habe. Die Natur war eigentlich überall atemberaubend, aber das war ja nicht das, was ich 1984 wollte. Wenn ich mich also auf meinen Wunsch von 1984 beschränke, dann war es bei weitem nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Es sind noch so viele Spots aus Los Angeles offen, die ich gerne noch angesehen hätte, aber bei dem Verkehr und der Größe der Stadt ist das schwerlich in zwei Tagen zu schaffen gewesen. Würde ich gerne noch einmal nach L.A.? Vielleicht eine Woche, um all die Punkte nachzuholen, die wir nicht geschafft haben, wobei die Woche dann allerdings alles andere als Erholung werden würde.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich fand den Urlaub sehr schön und sehr interessant und je länger ich beim Schreiben dieser Zeilen darüber nachdenke, was wir alles gesehen haben, desto schöner und interessanter wird es. Der Urlaub war allerdings auch megateuer, was die Kehrseite der Medaille ist. Die Freundlichkeit der allermeisten Amerikaner war überwältigend und das Wetter hat die dreieinhalb Wochen eigentlich auch mitgespielt, wenn man mal von dem kurzen Schneechaos der Berge absieht, was aber trotzdem ein Erlebnis war.

Dienstag, 24.09.2019 (Tag 24): San Francisco

Am Morgen waren die Taschen schnell gepackt, ein Taxi gerufen und schon waren wir am Flughafen von San Francisco. Beim Ausladen des Gepäcks fragte uns der indisch aussehende Taxifahrer, woher wir kämen und als wir mit “Germany” antworteten, sagte er “Ah! Hitler-Country!” Was für ein Abschluß des Urlaubs!

in Zahlen

  • 948 Euro vorher in 1000 Dollar umgetauscht
  • 2332 Meilen gefahren
  • 757 iPhone + 5608 Bilddateien = 6365 Bilddateien

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